Deutsche Formel-E-Fahrer im Verhör: 5 Fragen an Heidfeld, Lotterer, Engel & Abt

Für vier Formel-E-Piloten steht am 19. Mai mit dem Berlin E-Prix 2018 das Heimspiel auf dem Programm: Nick Heidfeld (Mahindra), Daniel Abt (Audi), Maro Engel (Venturi) und Andre Lotterer (Techeetah). Letzterer fährt sogar zum ersten Mal auf dem sogenannten Tempelhof-Ring. Kurz vor dem Rennen haben die vier Deutschen jeweils fünf Fragen rund um Berlin und die Formel E beantwortet, die wir dir nicht vorenthalten wollen.

Was macht den Berlin E-Prix so besonders für euch?

Nick Heidfeld: Es ist natürlich etwas ganz Besonderes, als Deutscher ein Rennen in einer so tollen Stadt zu fahren. Berlin ist für mich die multikulturellste Stadt, in der ich je war, und deshalb freue ich mich auf das Rennen.

Andre Lotterer: Berlin ist einfach eine hammercoole Stadt, und ich freue mich immer dort zu sein. Besonders, weil ich dort die deutschen Motorsportfans sehe und auch, wie viele neue Formel-E-Fans dazu gekommen sind.

Maro Engel: Das Rennen auf dem Tempelhofer Flugfeld ist definitiv ein Highlight. Schon wegen des Areals, das eine unglaubliche Historie hat - man denke nur an die legendäre Luftbrücke oder die berühmten Rosinenbomber. Als deutscher Starter ist Berlin mein Heimrennen. Im vergangenen Jahr haben mich die Fans super unterstützt. Das ist eine zusätzliche Motivation, und nichts wäre schöner, als in Berlin auf das Podium zu fahren.

Daniel Abt: Ein Sieg in Berlin wäre der Höhepunkt meiner bisherigen Formel-E-Karriere. Schon die Party auf dem Podium in Mexiko war großartig, aber vor den heimischen Fans wäre das ein ganz besonderes Erlebnis. Einen zweiten Platz hatte ich in der vorletzten Saison ja schon, und selbst das war sehr emotional für mich.

Was macht für euch den Reiz der Formel E aus?

Nick Heidfeld: Für mich ist das in meiner Rennkarriere eine neue Herausforderung. Auch dass Stadtkurse gefahren werden, macht die Sache spannend. Diese Strecken sind in der Regel sehr schwierig zu fahren, weshalb die Rennen besonders viel Spaß machen.

Andre Lotterer: Mich reizt an der Formel E die neue Herausforderung. Mein Ziel ist es, in der Serie der Beste zu sein. Die Formel E wird immer beliebter: Es gibt sehr viele Topfahrer, es kommen Tophersteller dazu - das ist einfach ein sehr tolles Arbeitsumfeld. Auch die Stadtrennen sind fahrerisch eine große Umstellung. Das alles zu meistern, ist wahrscheinlich eine der schwierigsten Sachen, die ich im Motorsport gemacht habe.

Maro Engel: Die Serie ist gespickt mit Herausforderungen. Das beginnt beim Rennwagen, der sich stark von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren unterscheidet. Beim Beschleunigen hast du zum Beispiel sofort die volle Leistung. Auch das Bremsen ist komplett anders, da der E-Motor Energie zurückgewinnt. Als Fahrer musst du das berücksichtigen und die Bremswirkung der mechanischen Karbonbremsen mit der Rekuperation kombinieren. Überhaupt muss man als Formel-E-Pilot immer genau mitdenken. Stichwort: Energiemanagement. Du gibst nicht einfach nur Vollgas und versuchst zu überholen, sondern musst auf den anspruchsvollen Stadtkursen den effizientesten Weg finden.

Daniel Abt: Sportlich sind es die engen und spektakulären Rennen, die wir erleben: Man kann sich noch nicht mal eine Runde vor dem Ziel sicher sein, auch wirklich auf dieser Position anzukommen. Die Formel E ist wahnsinnig anspruchsvoll, weil man nicht nur Rennen fährt, sondern gleichzeitig noch sein eigener Energiemanager ist. Neben der Strecke sind es die geilen Locations. Ich bin ganz ehrlich: New York, Mexiko-Stadt und Paris sind doch etwas anderes als Oschersleben und Hockenheim.

Welche Unterschiede gibt es im Vergleich mit der Formel 1, Le Mans und anderen Serien?

Nick Heidfeld: In der Formel E sind wir aktuell noch deutlich langsamer unterwegs und haben weniger Grip. Aber das ist eigentlich die perfekte Voraussetzung für die Stadtkurse. Wären die Autos noch schneller, würde es vermutlich gar keine Genehmigung für die Rennen geben. Spannend sind die Rennen, weil es viele Überholmanöver gibt und es Eintagesveranstaltungen sind. Die Fans bekommen dadurch viel von den Autos zu sehen: Training, Qualifying, Rennen - alles meistens an einem Samstag.

Andre Lotterer: Die Formel E ist eine komplett andere Welt - schon allein wegen der Energierückgewinnung beim Bremsen. Außerdem sind die Stadtkurse sehr anspruchsvoll. Es gibt da eigentlich nur eine Ideallinie. Oft fährt man auch auf schlechten Straßen mit verschiedenen Untergründen, auf denen die Reifen ein ganz anderes Fahrverhalten haben.

Maro Engel: Der Fahrstil ist grundlegend anders. Durch das energiesparende "Lift and Coast" gibt es deutlich mehr Überholmöglichkeiten, da der Vordermann nicht mit Vollgas bis zum Bremspunkt fährt. Außerdem fahren wir im Rennen hohe Kurvengeschwindigkeiten, dadurch senkt sich der Verbrauch weiter. Im Qualifying kann es hingegen ein Vorteil sein, niedrigere Kurvengeschwindigkeiten zu wählen und dafür früher am Gas zu sein, um Zeit zu gewinnen.

Daniel Abt: Das reine Fahren unterscheidet sich überhaupt nicht von anderen Rennautos - abgesehen davon, dass wir keinerlei Hilfsmittel wie etwa eine Traktionskontrolle haben. Die große Herausforderung liegt im Energiemanagement: Ich habe pro Auto nur eine gewisse Menge zur Verfügung, die ich mir einteilen muss. Ein Beispiel: Möchte ich attackieren, dann verbrauche ich mehr, muss anschließend sparen und kann dadurch wiederum leichter überholt werden. Es sind also auch viel Strategie und ein kühler Kopf gefragt.

Wie beurteilt ihr die Zukunft der Formel E? Wird der Wettbewerb mit neuen Herstellern an Bord noch härter?

Nick Heidfeld: Die Formel E war von Anfang an sehr wettbewerbsorientiert. Aber die Serie wird immer größer und populärer - die Zuschauerzahlen bestätigen dies auch. Übernächste Saison werden dann alle großen deutschen Hersteller vertreten sein: Audi, BMW, Mercedes, Porsche - und das wird die Serie noch weiter pushen.

Andre Lotterer: Die Zukunft der Serie sieht sehr gut aus. Wir wissen bereits, dass mehrere Hersteller in die Serie einsteigen. Die Entscheidung, mit den Autos in den Städten zu fahren, schafft eine tolle Plattform für die Automobilindustrie, da wir den Motorsport zu den Leuten bringen. Wir begeistern dadurch neue Fans und Firmen, die sich für ökologische Aspekte im Rennsport interessieren.

Maro Engel: Die Formel E gehört schon jetzt zu den anspruchsvollsten Rennserien der Welt. Schaut man sich das Fahrerfeld und die Hersteller an, weiß man: Das ist ein verdammt hartes Brot! Und der Wettbewerb nimmt zu. Die großen Konzerne orientieren sich immer mehr in Richtung Elektromobilität und nehmen ihre Engagements in der Formel E sehr ernst. Es ist die Serie mit dem bei Weitem größten Herstellerzuspruch, und das Level wird weiter ansteigen. Insofern: Ja, es ist und bleibt ein verdammt harter Fight - ganz klar!

Daniel Abt: Der Wettkampf wird noch größer, das sehen wir ja schon in dieser Saison. Mich freut das, denn so steigt der Stellenwert der Formel E noch weiter. Außerdem ist es toll, dass ein Hersteller natürlich in Sachen Marketing viel mehr auf die Beine stellen kann als ein kleines Team. Ich finde es großartig, dass man jetzt immer mehr Anzeigen und Spots mit der Formel E sieht.

In welcher Stadt würdet ihr gerne mal mit der Formel E starten?

Nick Heidfeld: Für mich war es ein Traum, in Zürich zu fahren, da ich dort in der Nähe wohne, und das wird dieses Jahr passieren. Ansonsten wäre Tokio fantastisch. Und wenn ich noch einen Kontinent wählen müsste, würde ich gerne in Australien fahren - zum Beispiel in Sydney oder Melbourne.

Andre Lotterer: Tokio ist eine mega Stadt! Da ich dort 15 Jahre gelebt habe, liegt mir diese Metropole am Herzen. Abgesehen davon ist Japan auch ein Autoland: Es gibt dort viele Motorsportfans und Hersteller, die auf Elektromobilität umsteigen. Dort in der Stadt zu fahren, würde ein riesen Zeichen für Elektromobilität in Japan setzen. Das wäre der Hammer. Und warum nicht gleich ein Rennen in der Nacht veranstalten? Das wäre richtig cool.

Maro Engel: Man ist bei der Formel E ja verwöhnt, denn mitten in der Innenstadt in Hongkong oder in New York Rennen zu fahren, ist verdammt cool. Persönlich würde ich sehr gerne in Rio de Janeiro fahren. Das hätte was. Unter dem Zuckerhut, das wäre schon etwas Besonderes.

Daniel Abt: Ganz klar - Los Angeles oder Miami müssen zurück in den Kalender. Wir hatten dort tolle Rennen an fantastischen Locations und mit jeder Menge verrückter Fans.

Foto: ABB FIA Formula E

von Timo Pape 

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