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DJ-Karriere, Erdöl-Botschafter & Restaurantbesitzer: Was machen eigentlich die Ex-Formel-E-Fahrer? (1/3)

Vor wenigen Wochen feierte die Formel E den sechsten Jahrestag ihres ersten E-Prix in Peking (13.09.2014). Seit dem Debütrennen entwickelte sich die Elektroserie in rasantem Tempo zu einer der technologisch relevantesten Motorsport-Kategorien der Welt. Insgesamt 69 Fahrerinnen und Fahrer starteten bislang in der Formel E - nur vier von ihnen haben an jedem Lauf teilgenommen. Was wurde aus den anderen Piloten?

In dieser dreiteiligen Artikelserie widmen wir uns allen ehemaligen Fahrern der Formel E. Viele von ihnen sind weiterhin im Motorsport aktiv, andere haben interessante alternative Karrierewege eingeschlagen. Disclaimer: In dieser Serie beachten wir ausschließlich die Fahrer, die nicht beim letzten Rennen des Berlin E-Prix 2020 an den Start gingen - unabhängig von ihrem Vertragsstatus für die nächste Saison.

Von der Rennstrecke in die Clubszene von Ibiza

Jaime Alguersuari erlebte einen der wohl radikalsten Jobwechsel nach seinem Formel-E-Aus. Der Spanier fuhr in der ersten Saison an der Seite von Sam Bird für Virgin und startete zuletzt beim Moskau E-Prix 2015. Nach dem Rennen erlitt er aufgrund von Dehydrierung und Erschöpfung einen Ohnmachtsanfall, woraufhin ihm die FIA aus medizinischen Bedenken die Rennlizenz entzog. Zwei Monate später verkündete Alguersuari, damals gerade 25 Jahre alt, sein Karriereende. Inzwischen hat er eine alte Leidenschaft für sich wiederentdeckt: Als "DJ Squire" legt er in der Clubszene Ibizas House-Musik auf und moderiert eine wöchentliche Radiosendung.

Aus der Formel E ins Indy 500 & nach Le Mans

Alguersuaris ehemaliger Rivale Marco Andretti startete 2015 bei einem Rennen in der Formel E, erreichte beim Buenos Aires E-Prix aber lediglich Platz 13. Anschließend ging Andretti für das Team seiner Rennfahrerfamilie in der IndyCar-Serie an den Start, feierte einige Podestplatzierungen und beendete die Saisons 2015 und 2018 auf dem neunten Gesamtplatz. Auch in diesem Jahr tritt Andretti in der US-Meisterschaft an, in der er sich 2020 die Pole-Position zum Indianapolis-500-Rennen sicherte.

Der französische Rennfahrer Nathanael Berthon fuhr in der Formel-E-Saison 2015/16 dreimal für das Team Aguri und erreichte beim Peking E-Prix mit Platz 8 sein bestes Ergebnis. In den Jahren danach trat er regelmäßig in der Trophee-Andros-Rallye an, steuerte Tourenwagen in der WTCR und engagierte sich in den LMP1- und LMP2-Klassen der FIA Langstrecken-WM. Zusammen mit Louis Deletraz und Romain Dumas wurde Berthon in diesem Jahr Gesamtvierter bei den 24 Stunden von Le Mans.

Auch der Enkel des dreifachen Formel-1-Weltmeisters Sir Jack Brabham fuhr einst in der Formel E: Matthew Brabham. Bis heute ist er der jüngste Starter bei einem E-Prix - bei seinem Debüt in Putrajaya 2014 war er lediglich 20 Jahre und 270 Tage alt. Im Folgejahr wechselte Brabham in die spektakuläre Stadium-Super-Truck-Serie, wo er sich 2016 und 2017 den Vizetitel sowie 2018 und 2019 den Gesamtsieg sicherte. Brabham lebt mit seiner langjährigen Freundin Kim, einer Immobilienmaklerin und Eiskunstläuferin, in den USA.

Ex-Jaguar-Fahrer nun Restaurantbesitzer

Zwar ging James Calado auch beim Berlin E-Prix 2020 an den Start. Allerdings wurde der Brite für die letzten zwei Rennen von Tom Blomqivst ersetzt, da Calado in der WEC antreten musste. In der Langstrecken-WM fährt Calado seit einigen Jahren für das Ferrari-Team AF Corse, mit dem er es bei den 24 Stunden von Le Mans 2020 auf das GTE-Pro-Podium schaffte. Wenn Calado nicht im Rennwagen sitzt, lebt er mit seiner Frau und Tochter an der Küste von Südwales.

Einer von Calados Jaguar-Vorgängern war Adam Carroll. Auch er wechselte nach seinem Formel-E-Abschied in den GT-Sport und engagierte sich unter anderem in der Ferrari Challenge. Hinzu kam ein Gaststart in der Jaguar I-Pace eTrophy. Carroll hat sich in den letzten Jahren aber auch ein zweites Standbein aufgebaut: Zusammen mit seiner Frau Claire eröffnete er 2019 ein Cafe und eine Pizzeria in einer Einkaufsstraße im nordirischen Dorf Moygashel.

2014 und 2015 startete die italienische Rennfahrerin Michela Cerruti für das Trulli Formula E Team. Nach ihrem letzten Rennen in Buenos Aires wechselte sie in die TCR International Series, der sie sich anfänglich als Fahrerin und schließlich als Einsatzleiterin für Alfa Romeo verpflichtete. Inzwischen steuert sie auch die Einsätze der Marke in der WTCR sowie der geplanten Elektro-Meisterschaft Pure ETCR. Im April 2019 brachte Cerruti einen Sohn auf die Welt.

Chandhok im TV, Conway als Werksfahrer

Karun Chandhok beendete nach einer Formel-E-Saison bei Mahindra Racing im Grunde seine aktive Rennfahrerkarriere. 2016 und 2017 kam er zwar noch bei zwei LMP2-Rennen zum Einsatz, einmal in der Europäischen Le-Mans-Serie (ELMS) und einmal bei den 24 Stunden von Le Mans. Abgesehen davon richtete sich sein Fokus seither aber auf den britischen Fernsehsender Sky Sports, bei dem er zu den regulären Formel-1-Experten gehört. Im Dezember 2018 wurde auch er Vater eines Sohns.

Im Gegensatz zu Chandhok und Cerruti ist der ehemalige Venturi- und Dragon-Fahrer Mike Conway weiterhin im Rennsport aktiv. Als Toyota-Werksfahrer konnte er in den vergangenen Jahren mehrere WEC-Siege und Podien in Le Mans feiern. Gemeinsam mit Kamui Kobayashi und Jose Maria Lopez wurde er 2020 an der Sarthe Gesamtdritter.

Simona de Silvestro ist die erste Frau, die in der Formel E einen Punkt sammeln konnte. Die Schweizerin zeigte in den letzten Jahren immer wieder Präsenz in der Elektroserie und wurde nach einer offiziellen Testfahrt für Venturi im vergangenen Jahr als Porsche-Reservefahrerin vorgestellt. De Silvestro ging in den letzten Jahren vor allem in der australischen Supercars-Meisterschaft an den Start, hinzu kamen vereinzelte Einsätze in der V8-Supercars-Kategorie, der WeatherTech-Sportwagenmeisterschaft, der GT World Challenge und in den ADAC GT Masters.

Formel-E-Fahrer als Erdöl-Botschafter

Nach dem Ende seines Nio-Vertrags blieb Tom Dillmann der Formel E unter anderem als Simulator-Fahrer treu, gerüchteweise auch für DS Techeetah. Abgesehen davon ging Dillmann in den letzten Monaten als Fahrer für das ByKolles-Team in der LMP1-Klasse der WEC an den Start. Im Dezember 2018 heiratete er in Brasilien das Model Nicolle Schneider, das Paar lebt in der Schweiz.

Salvador Duran fuhr in den ersten zwei Formel-E-Saisons bei insgesamt zwölf Einsätzen für das Team Aguri, bis ihn der Rennstall nach dem Long Beach E-Prix 2016 mit Ma Qing Hua ersetzte. Nach drei Jahren kehrte er als Gaststarter in der Jaguar I-Pace eTrophy für ein Rennen ins Formel-E-Fahrerlager zurück, abgesehen davon gilt seine Rennfahrerkarriere als beendet. In seinem Heimatland Mexiko ist Salvador "Chava" Duran derzeit als Botschafter für den Erdölkonzern Gulf aktiv, gelegentlich trifft man ihn zudem auf einem Golfplatz an.

Experten auf der Langstrecke

Auch mit 38 Jahren ist Loic Duval noch im Motorsport aktiv: Der Franzose fährt seit seinem Formel-E-Abschied 2017 in der DTM und WEC um Podien und Siege. Zudem startete er bei einigen Rennen in der WeatherTech-Sportwagenmeisterschaft und der ELMS.

Maro Engel gilt im Rennsport als Allrounder. Nach seinem Abgang vom Venturi-Formel-E-Team widmete er sich wieder dem GT-Sport, dem er bis heute treu geblieben ist. Aktuell liegt er gemeinsam mit Luca Stolz auf Gesamtplatz 3 in der ADAC GT Masters, zudem ist er in der GT World Challenge Europe und gelegentlich bei Langstreckenrennen aktiv. Zusammen mit seiner Frau Steffi und seiner zweijährigen Tochter Sophia lebt er in Monaco.

Luca Filippi beendete seine Zeit in der Formel E im Anschluss an den New York E-Prix 2018 nach einer Saison mit Nio. Schon im Folgejahr stieg er in die TCR-Europameisterschaft ein, 2020 fährt er in der WTCR. Übrigens tritt er dort als Fahrer für ein Team von Alfa Romeo an, wodurch die Ex-Formel-E-Starterin Michela Cerruti seine direkte Vorgesetzte ist. Wie klein die Welt manchmal doch ist…

In wenigen Tagen geht es mit dem zweiten Teil unserer Artikelserie auf e-Formel.de weiter. Mit dabei: ein frischgebackener Formel-1-Rennsieger, Experten für Langstreckenrennen und ein zunächst wegen Drogenmissbrauchs gesperrter Rennfahrer aus Frankreich.

von Tobias Bluhm  

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