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Formel-E-Neuling Nick Cassidy im Interview: "Eines der besten Starterfelder im Motorsport"

Nick Cassidy wird im Januar 2021 beim Santiago E-Prix sein Renndebüt in der Formel E feiern. Der Neuseeländer soll bei Envision Virgin Racing die Nachfolge von Sam Bird antreten, der das Team nach sechs gemeinsamen Saisons verlässt. Im Interview verrät Cassidy viel über seinen Werdegang und die Pläne für seine erste Saison als Formel-E-Stammfahrer.

Zunächst einmal, Nick, wie ist der Lockdown für dich gewesen?

Es war in Ordnung, wenn man darüber nachdenkt. Aber mit Sicherheit ist die Welt ein ganz anderer Ort geworden. Ich bin zwar keine Rennen gefahren, aber ehrlicherweise war ich mehr als sonst damit beschäftigt, mit meinem Management an Plänen zu arbeiten, mich fit zu halten und E-Sport zu betreiben. Aber natürlich vermisse ich Autorennen.

Du befindest dich derzeit in Japan?

Ja, ich bin seit fünf Jahren hier. Ursprünglich habe ich in der Stadt Gotemba gewohnt, die in der Nähe des Fuji Speedway liegt, aber ich bin in eine Wohnung in Tokio umgezogen. Obwohl ich in Auckland aufgewachsen bin, betrachte ich Japan inzwischen als meine Heimat, zumal ich wegen meines hektischen Terminkalenders nur zur Weihnachtszeit wirklich die Möglichkeit habe, nach Neuseeland zurückzukehren. Wenn ich das tue, habe ich das Gefühl, dass ich eher in den Urlaub fahre als nach Hause.

Wie hast du dich an die Kultur dort angepasst?

Es gibt nicht viele Gemeinsamkeiten zwischen den "Kiwis" und den Japanern, aber es gefällt mir hier wirklich gut. Ich liebe es, wie höflich und respektvoll die Japaner sind, und wie organisiert alles ist. Ich habe auch ein paar Karaoke-Abende erlebt und sie wirklich genossen. Ich gebe zu, dass ich nicht so gut in der Sprache bin - trotz eines Sprachkurses. Aber zum Glück ist Englisch die Sprache des Motorsports und die, die wir im Teamfunk sprechen.

Wie bist du in den Motorsport eingestiegen?

Ich habe den Rennsport immer geliebt und mir von klein auf die Formel 1 angesehen. Mein Vater und mein Onkel waren Club-Rennfahrer, es lag also in der Familie. Ich bin im Alter von etwa sechs Jahren in den Kartsport eingestiegen und hatte das Glück, einen kleinen Sponsor zu haben, der mir half, den Weg zu beschreiten. Kartsport war damals in Neuseeland eine Familienangelegenheit, sodass wir gemeinsam auf die verschiedenen Rennstrecken fuhren. Ich bin oft gegen Mitch Evans und Tom Blomqvist gefahren. Das sind Namen, die Formel-E-Fans kennen dürften.

Wie ist ein Kartfahrer aus Neuseeland dann in Japan gelandet?

Ich hatte einige Monoposto-Erfolge in Neuseeland und Australien, und dann bekam ich die Gelegenheit, mit dem britischen Formel-3-Team T-Sport beim Macau Grand Prix zu fahren. Ich war noch ziemlich unerfahren, habe es aber geschafft, bei meinem Debüt einen Podiumsplatz zu ergattern. Dabei wurde ich interessanterweise von Stephen Lane betreut, der bald mein Ingenieur in der Formel E sein wird. Wie auch immer; an diesem Wochenende traf ich das TOM'S-Rennteam, und sie boten mir kurz darauf eine Werksbesichtigung und dann einen Rennsitz an.

Und seitdem konntest du phänomenale Erfolge in Japan feiern...

Ja, ich bin sehr stolz auf meine Ergebnisse und alles, was ich erreicht habe. Ich habe viel gelernt und viel Erfahrung gesammelt.

Und jetzt stellst du dich einer neuen Herausforderung in der Formel E.

Ja, das ist wirklich aufregend. Ich habe die Formel E von Anfang an verfolgt, hätte aber nie gedacht, dass mich mein Karriereweg dorthin führen würde. Ich habe hier in Japan so viel erreicht, aber es fühlt sich so an, als wäre es jetzt an der Zeit für eine neue Herausforderung. Als sich die Chance ergab, (für Virgin) zu testen, war das echt eine großartige Gelegenheit. Ich hatte einen tollen Test in Marrakesch, aber bei der Vertragsunterzeichnung ging es nicht nur um reine Leistung, sondern auch darum, wie das Team kommuniziert und zusammengearbeitet hat. Und bei diesen Jungs hatte ich einfach ein sehr gutes Gefühl.

Wie wird es sich anfühlen, in die Fußstapfen von Sam Bird zu treten und an der Seite von Robin Frijns zu fahren?

Ich habe großen Respekt vor Sam, er hat in der Formel E Großes geleistet. Mein Ziel ist es, zu versuchen, einen ähnlichen Job zu machen. Die Formel E wird eine große Herausforderung, die nicht zu unterschätzen ist. Das ist vielleicht ein bisschen entmutigend, aber ich habe Vertrauen in mich selbst. Robin und ich sind noch nie zuvor Rennen gegeneinander gefahren, aber er ist ein toller Fahrer und eine großartige Referenz, von der man lernen kann.

Im Formel-E-Fahrerlager gibt es tatsächlich eine ganze Reihe von Fahrern, gegen die du schon gefahren bist.

Ja, Mitch ist vielleicht der offensichtlichste Name aus meiner Kart-Zeit, aber ich bin seit neun Jahren nicht mehr gegen ihn gefahren. Es wird also interessant sein, bei unserem ersten gemeinsamen Formel-E-Rennen anzutreten. Auf dem Papier hat die Formel E eines der besten Starterfelder im Motorsport. Hier bringt jeder Fahrer Erfahrung und gute Ergebnisse.

Wirst du Japan für dein Formel-E-Engagement wieder verlassen?

Ich fühle mich wohl hier, es gefällt mir sehr. Ich habe mich hier auch persönlich stark weiterentwickelt. Ich arbeite noch an meinen Plänen, aber ich denke, dass ein Umzug näher an den Hauptsitz des Teams in Silverstone wahrscheinlich ist. Das ist zwar alles Teil der Arbeit, aber es wird eine große Veränderung sein.

Eine Frage noch zum Abschluss: Hast du darüber nachgedacht, mit welcher Startnummer du in der Formel E fahren wirst?

Die Nummer 37 bedeutet mir etwas. Es war die Nummer, mit der mein Vater Rennen fuhr, aber es ist auch die Nummer, mit der ich drei Meisterschaften gewonnen habe, zuletzt den Titel in der Super Formula. Es ist vermutlich mehr Zufall als Aberglaube, aber als ich einmal mit einer anderen Nummer antrat, hat es nicht funktioniert. Ich hoffe, dass ich die Nummer übernehmen kann.

Foto: Envision Virgin Racing

von Tobias Wirtz  

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