Hangar-6-Tempelhof-Airport

Formel E in Berlin-Tempelhof: Echos aus der Vergangenheit

Im Südwesten von Berlin galt die AVUS jahrzehntelang als heiliger Motorsport-Gral der Hauptstadt. Ein Nonplusultra des Rennsports, an das sich niemand heranwagte. Viele Fahrer gewannen hier glorreiche Titel, ebenso viele ließen auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke aber auch ihr Leben. Von Caracciola über Rosemeyer, Brabham und Hill bis zu den Schumacher-Brüdern statteten zahllose legendäre Rennfahrer dem Berliner Kurs in ihrer Zeit einen Besuch ab.

Im April 1998 wurde die AVUS endgültig, nach knapp 80 Jahren Motorsportgeschichte, für den Rennsport geschlossen: "Zu schnell, zu gefährlich und zu viele Unfälle", lautete die Begründung damals. Die Berliner mussten sich demnach mehr als eineinhalb Jahrzehnte lang mit dem knapp 120 Kilometer entfernten, unliebsamen Lausitzring im ebenso unliebsamen Brandenburg anfreunden…

… bis schließlich eines Tages im Sommer 2015 eine neue, revolutionäre und vollkommen elektrische Rennserie an den Toren der Hauptstadt anklopfte: die Formel E.

Die noch junge Elektroserie quartierte sich nicht auf der AVUS, die inzwischen unter dem Namen A115 als Teil der Stadtautobahn Berlins genutzt wird, sondern auf dem Vorfeld eines ehemaligen Flughafens im Berliner Stadtbezirk Tempelhof-Schöneberg ein. Der 2008 geschlossene Airport hat zwar nicht ansatzweise die Motorsportvergangenheit der AVUS, jedoch spürt man auch in den Hallen von Tempelhof die Echos aus einer gemeinsamen Vergangenheit.

Vom Preußen-Acker zum Weltrekord-Schauplatz

Bis ins frühe 18. Jahrhundert war das Tempelhofer Feld vor allem eines: Ackerfläche. Das Feld an der Grenze zwischen den kleinen Dörfern Tempelhof und Schöneberg, die heutzutage als Doppelbezirk mit über 350.000 Einwohnern zu Berlin gehören, wurde ab 1722 erstmals als Parade- und Exerzierplatz der preußischen Armee unter Friedrich Wilhelm I. genutzt. Wenig später entstand eine erste Kaserne.

Es sollte aber noch über ein Jahrhundert dauern, bis die ersten Kapitel der einzigartigen Luftfahrtgeschichte Deutschlands in Tempelhof geschrieben werden sollten. 1885 nahm Leutnant Hugo vom Hagen aus dem Ballon Barbara die ältesten bekannten deutschen Luftaufnahmen auf. 1901 erreichten die Meteorologen Arthur Berson und Reinhard Süring mit dem Ballon Preussen erstmals Höhen von 10,8 Kilometern - ein Weltrekord, der nicht nur von Bedeutung für die Entdeckung der Stratosphäre im folgenden Jahr war, sondern auch 30 weitere Jahre bestehen blieb.

1909 fanden dann die ersten Motorflüge über dem Tempelhofer Feld statt: Im Februar demonstrierte Armand Zipfel unter großem öffentlichen Interesse seinen Voisin-Doppeldecker, ehe im September Orville Wright, dem der erste kontrollierte Flug überhaupt zuerkannt wird, die Weltrekorde für den damals höchsten (172 Meter) und längsten Passagierflug (1:35 Stunden) brach. Hubert Latham gelang im Oktober der erste Überlandflug über einer Stadt.

Spiegelbild des Nationalsozialismus

Nach einer Initiative des Reichsverkehrsministeriums begann 1922 die Planung für die Nutzung des Tempelhofer Feldes als Verkehrsflughafen. 1923 wurden insgesamt 100 Starts und Landungen mit Hilfe zweier provisorischer hölzerner Hallen durchgeführt, die später abgerissen wurden. In zwei Bauabschnitten wurde der Flughafen bis 1928 schließlich fertiggestellt, erwies sich aber schnell als zu klein.

Nach der Machtergreifung Hitlers wurde der Architekt Ernst Sagebiel ab 1934 mit dem Bau einer Erweiterung für den Flughafen Tempelhof beauftragt. Zwischen 1936 und 1941 entstand sein neues Flughafengebäude, welches schon vor seiner Fertigstellung ab 1940 für die Herstellung und Wartung der berüchtigten Sturzkampfbomber genutzt wurde.

Bis heute hat sich das Flughafengebäude Sagebiels nicht maßgeblich verändert, was den Flughafen Tempelhof zum größten architektonischen Baudenkmal Europas macht und einen einzigartigen Spiegel der Selbstverherrlichung und des Machtanspruchs der Nationalsozialisten bietet. Während die steinerne Fassade an der der Stadt zugewandten Seite Macht demonstriert, wirkt das mit Stahlkonstruktionen versehene Gate, unter dem auch die Formel E fahren wird, beinahe modern.

Drehscheibe der Luftbrücke

Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges nahmen die US-amerikanischen Besatzer im August 1945 den Flugverkehr in Tempelhof wieder auf. In den folgenden Jahren baute die US Airforce Tempelhof zur "Air Base" aus, stationierte Hubschrauber und Starrflügler und sanierte die Hangars und Landebahnen.

Ab 1948 bekam der Flughafen Tempelhof unerwartet eine neue Bedeutung: Nachdem die Sowjetunion die westlichen Sektoren der Stadt blockierte, um sie in das eigene wirtschaftliche und politische System einzuordnen, waren die drei verbliebenen Besatzungsmächte darauf angewiesen, die damals knapp 2,2 Millionen West-Berliner per Lebensmittellieferungen aus der Luft zu versorgen.

Beinahe ein Jahr lang flogen Piloten aus den westlichen Besatzungszonen Deutschlands täglich die Berliner Flughäfen Tegel, Gatow und Tempelhof an, um die Menschen zu versorgen. In Tempelhof starteten und landeten Flugzeuge zeitweise im 90-Sekunden-Takt.

In dieser Zeit entstand zudem der Brauch, Süßigkeiten für Kinder an kleinen Fallschirmchen aus dem Cockpitfenster zu werfen. Nicht zuletzt deswegen tauften die Berliner die Cargo-Flieger aus Frankreich, Großbritannien und den USA auf den Namen "Rosinenbomber". Vor dem Haupteingang des Flughafens erinnert heute ein Denkmal an die Luftbrücke.

Tempelhof als Central Park von Berlin

Kurz nach Ende der Berlin-Blockade am 12. Mai 1949 wurde der Flughafen wieder für den zivilen Passagierverkehr geöffnet. Große Passagierflugzeuge wurden jedoch zum neuen Flughafen in Tegel umgeleitet, da Tempelhof nicht länger für das hohe Passagieraufkommen ausgelegt war. Zudem war die Landebahn zu kurz für größere Maschinen, weshalb in den letzten Jahren des Flughafens nur noch kleinere Kurzstreckenflugzeuge in Tempelhof landeten.

Der letzte Flieger, eine Beechcraft Bonanza, hob am 24. November 2008 um 12:15 Uhr von der Startbahn in Tempelhof ab. Seitdem ist der Flugbetrieb offiziell eingestellt. Doch Tempelhof liegt deswegen bei Weitem nicht brach: Seit Mai 2010 ist das Tempelhofer Flugfeld Besuchern als Berlins größter Stadtpark zugänglich. Jährlich kommen tausende Berliner auf die größte innerstädtische Freifläche der Welt, um auf ihren Inline-Skates oder Windboards zu fahren, Drachen steigen zu lassen, zu grillen und sich zu entspannen.

Wie viel Geschichte in den Mauern von Tempelhof steckt, ist dabei wohl den wenigsten Besuchern bewusst. Der Flughafen gehört zu den historischsten Orten der ganzen Stadt. Während man in den Hallen von Tempelhof Echos der Vergangenheit hören und spüren kann, haucht die Formel E dem Flughafen schon am nächsten Wochenende den Geist der Zukunft ein.

Seid dabei, wenn die vollelektrische Rennserie zu den einzigen Deutschland-Läufen im Rennkalender am 10. und 11. Juni auf den legendären Flughafen in Berlin-Tempelhof zurückkehrt. e-Formel.de begleitet euch über beide Tage hinweg mit exklusiver Berichterstattung von der Strecke und unserem Live-Ticker. Wir freuen uns auf euch!

Fotocredit: Tempelhof Projekt GmbH (www.thf-berlin.de)

von Tobias Bluhm  

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