Di-Grassi-vs-Vergne-Finale-2019-New-York

Formel E in New York: Vergne wird schon am Samstag Meister, wenn…

Vor dem abschließenden "Double-Header" der Formel E in New York City haben noch acht Fahrer rechnerische Chancen auf den Gewinn des Fahrertitels der fünften Saison. Während diese Chancen bei sechs der acht Fahrer rein theoretischer Natur sind, läuft alles auf ein Duell zwischen dem amtierenden Champion Jean-Eric Vergne und dem amtierenden Vizemeister und vorherigen Titelträger Lucas di Grassi hinaus. Vergne könnte bereits am Samstag den "Sack zumachen" - wie bereits vor einem Jahr an selber Stelle.

e-Formel.de beleuchtet für dich jene Konstellationen, unter denen der Meisterschaftskampf bereits im ersten der beiden Rennen am "Big Apple" entschieden wäre. Ein Hinweis vorweg: Wegen der Bonuspunkte für Pole-Position und schnellste Rennrunde gibt es mehrere hundert Möglichkeiten - die nachfolgenden Ausführungen können daher teilweise an höhere Mathematik erinnern. Beginnen möchten wir die Betrachtung mit dem Duell Vergne gegen di Grassi.

Die Ausgangssituation: Vergne liegt mit 32 Punkten vorn

29 Punkte kann ein Pilot in einem E-Prix maximal erzielen - 25 Punkte für den Sieg, dazu drei Zähler für die Pole-Position und einen für die schnellste Rennrunde. Dies wäre also der maximale Rückstand, den di Grassi am Sonntag noch aufholen könnte. Da Vergne mit 32 Punkten Rückstand in die Vereinigten Staaten reist, wären di Grassis Titelchancen erloschen, sollte er nicht mindestens drei oder vier Punkte von Vergnes Vorsprung abknabbern.

Drei oder vier? Dies mag so manchen Leser verwirren: Es gibt nämlich Konstellationen, bei denen bei Punktgleichheit Vergne den Titel gewinnen würde, aber auch welche, bei denen di Grassi vorn läge. Allen Konstellationen ist eines gemeinsam: Wenn Vergne im Rennen vor di Grassi die Ziellinie überquert, kann di Grassi nicht mehr Meister werden. Mit einem Sieg am Samstag würde hingegen di Grassi die Entscheidung der Meisterschaft in jedem Fall vertagen.

Im Reglement ist festgelegt: Bei Punktgleichheit entscheidet die höhere Anzahl der Siege über den Meistertitel. Vergne führt hier aktuell mit 3:2. Bei gleicher Anzahl der Siege entscheidet dann die höhere Anzahl der zweiten Plätze, hier steht es aktuell 1:1. Danach entscheidet die Anzahl der dritten Plätze, hier führt Vergne vor dem letzten E-Prix der Saison mit 1:0. Es folgen die vierten Plätze, wo es 0:1 aus Sicht von Vergne steht, sowie die fünften Plätze, wo der Franzose mit 1:0 führt.

Warum wir sogar die Verteilung der fünften Plätze aufführen? Weil dies bei einer bestimmten Konstellation tatsächlich von entscheidender Bedeutung für den Titel sein könnte.

Bonuspunkte: Pole-Position könnte vorentscheidend sein

Das Ergebnis des Qualifyings ist in der Formel E stets ein wichtiger Faktor - immerhin geht es hier nicht nur um den besten Startplatz, sondern auch um drei Bonuspunkte. Jean-Eric Vergne könnte am Samstag in New York also bereits einen großen Schritt in Richtung Titel machen, wenn er den ersten Startplatz erzielen sollte. Der Franzose würde seinen Vorsprung demnach auf 35 Punkte ausbauen.

Dann müsste di Grassi im Rennen mindestens sechs Punkte aufholen, um seine rechnerische Titelchance zu wahren. Wird er nur Siebter oder schlechter, ist der Titel für ihn automatisch verloren. Bei einem sechsten Platz dürfte Vergne nur einen einzigen Punkt holen.

Bei Platz 4 oder 5 für di Grassi würde es Vergne reichen, drei Positionen hinter seinem Kontrahenten das Ziel zu erreichen. Wird di Grassi Dritter, muss Vergne mindestens P5 belegen. Wird er Zweiter, langt Vergne Platz 3 oder Platz 4 mit der schnellsten Rennrunde zum Titel. Nur bei einem Sieg von di Grassi bleibt Vergne keine Möglichkeit, die Meisterschaft bereits am Samstag zu feiern. Trotz P2 und schnellster Rennrunde würde dies auf Punktgleichheit hinauslaufen. Di Grassi gewänne nach einem weiteren Sieg am Sonntag den Titel wegen seiner dann vier Siege.

Andersherum erhöht eine Pole-Position für di Grassi die Chancen des Brasilianers und verringert seinen Rückstand auf 29 Punkte. Die Anforderungen an Vergne, die Meisterschaft vorzeitig zu entscheiden, erhöhen sich damit. Hier fällt die Vorentscheidung grundsätzlich nur dann, wenn Vergne vor di Grassi ins Ziel kommt oder beide das Rennen nicht unter den ersten Zehn beenden. Trotz "Grand Slam" (Pole-Position, Sieg und schnellste Rennrunde) für di Grassi am Sonntag läge Vergne dann mit 1:0 bei den dritten Plätzen vorne.

Pole-Position weder für di Grassi noch für Vergne

Ohne Bonuspunkte aus dem Qualifying für einen der beiden Titelkandidaten verändern sich die Konstellationen leicht. Di Grassi müsste drei oder vier Punkte wettmachen. Dafür müsste er mindestens folgende Ergebnisse einfahren: Platz 8 ist die Mindestanforderung - unter der Voraussetzung, dass Vergne punktlos bleibt. Platz 9 und die schnellste Rennrunde würden nicht ausreichen, da selbst bei einem "Grand Slam" von di Grassi am Sonntag Vergne einen dritten Platz mehr erreicht hätte.

Kommt di Grassi auf den Positionen 4 bis 7 ins Ziel, reicht es Vergne, unmittelbar hinter seinem Gegner ins Ziel zu fahren. Wird di Grassi Dritter, bräuchte Vergne Platz 4, um eine Vorentscheidung herbeizuführen. Bei einem Grand Slam von di Grassi am Sonntag und einem gleichzeitig punktlosen Rennen für Vergne wären beide Fahrer punktgleich mit drei Siegen, einem zweiten, einem dritten und einem vierten Platz. Den Ausschlag gäbe dann Vergnes fünfter Platz aus Marrakesch, der ihm den Titel einbrächte. Dies ist jedoch die einzige Konstellation, bei der Platz 5 eine Rolle spielen würde.

Wird di Grassi Zweiter, reicht Vergne Platz 3 nicht aus. Durch den zusätzlichen zweiten Platz hätte di Grassi bei Punktgleichheit nun die Nase vorne. Vergne bräuchte also die schnellste Rennrunde für die Vorentscheidung.

Können Evans, Lotterer & Co. noch eingreifen?

Diese Frage ist leicht zu beantworten: Ja. Es folgt jedoch ein ganz großes Aber: Hierfür müssen diese Fahrer richtig gut punkten und sehr viel Boden auf Vergne gutmachen. Di Grassi spielt hier keine Rolle, da er aufgrund seines Rückstandes nicht Gesamtführender nach dem Samstagsrennen sein kann.

Ein Sieg von Mitch Evans verringerte den Rückstand des Neuseeländers auf 18 Punkte. Vergne würde dem Jaguar-Piloten also mit Platz 4 am Samstag (zwölf Punkte) keine Chance mehr lassen. Bei einem Lotterer-Sieg würde dem Franzosen Platz 5 reichen, bei einem Sieg von Antonio Felix da Costa oder Robin Frijns Rang 7, bei einem Sieg von Sebastien Buemi oder Daniel Abt sogar Rang 10.

Sollte der Rennsieger zuvor auch von der Pole-Position aus gestartet sein, wäre es bei einem Evans- oder Lotterer-Sieg Platz 3 für Vergne, bei Felix da Costa Platz 5, bei Frijns Platz 6, bei Buemi Platz 8 und bei Abt Platz 9, um die rechnerischen Chancen des Rennsiegers zu eliminieren.

Evans und Lotterer könnten auch mit Platz 2, 3 oder 4 ihre theoretischen Meisterschaftschancen aufrecht erhalten. Bei Platz 4 benötigten sie jedoch gleichzeitig die Pole-Position. Vergne dürfte zudem gar keine Punkte holen. Bei einem dritten Platz reichte Vergne ein einziger Punkt für Platz 10, bei einem zweiten oder dritten Platz nach Pole-Position demzufolge Rang 8. Bei Pole-Position und Platz 2 für Lotterer müsste Vergne Siebter werden, bei Evans gar Sechster.

Auch Felix da Costa und Frijns könnten mit einem zweiten Platz ihre theoretischen Chancen aufrechterhalten. Allerdings benötigten sie gleichzeitig schon die Bonuspunkte für die Pole-Position. Mit Platz 9 würde Vergne jedoch auch diese Hoffnungen im Keim ersticken. Die Chancen auf die erste Titelverteidigung der Formel-E-Geschichte stehen gut...

von Tobias Wirtz 

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