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Formel E: Di Grassi erklärt eigene Gen3-Vision mit 500 kW Leistung, modularem Allrad & OLED-Chassis

Die Formel E steht in den nächsten Jahren vor zahlreichen technologischen Neuerungen. Neben der Einführung des Gen2-EVO-Fahrzeugs zum Beginn der Saison 2020/21 wird bereits ab Ende 2022 das neue "Gen3"-Regelwerk erwartet, auf dessen Grundlage die Elektroserie ab ihrer neunten Saison ein vollkommen neues Auto entwerfen wird. Audi-Pilot Lucas di Grassi hat für die Zukunft der Formel E eine klare Vorstellung.

So wünscht sich der Brasilianer, der bisher jedes einzelne Formel-E-Rennen bestritten hat, vor allem ein radikal anderes Aussehen der Fahrzeuge. "Von außen betrachtet gibt es zwei Dinge, die den Eindruck eines Autos ausmachen: das Aussehen und der Klang. Wir haben in der Formel E keinen Sound, also müssen wir einen aggressiven visuellen Eindruck machen", erläutert di Grassi exklusiv bei 'e-Formel.de'.

"Ich würde (die Formel E) noch mehr wie 'Tron' machen, noch futuristischer als jetzt. Kinder von heute sehen im Gen2 ein normales Rennauto, weil es traditionellen Fahrzeugen noch zu ähnlich ist. Mit dem Gen3 muss die Formel E visuell mehr beeindrucken - sie muss erwachsen werden. Ich würde Lichter am Auto anbringen und Nachtrennen austragen lassen, sodass der komplette Wagen mit OLED-Flächen in Neon oder Lila aufleuchtet, wenn die Fahrer den Attack-Mode aktivieren."

Formel E muss "von 0 auf 100 schneller als die Formel 1 beschleunigen"

Auch unter der Haube soll sich die Elektro-Meisterschaft laut di Grassi weiterentwickeln. Im Dezember veröffentlichte die FIA erste Spezifikationen für das Gen3-Fahrzeugmodell, für das interessierte Konstrukteure dem Automobil-Weltverband Vorschläge unterbreiten sollen. Im Ausschreiben sind vorerst Spitzenleistungen von 300 bis 350 kW vorgesehen, wenngleich das Regelwerk noch nicht final ist. Die Formel E möchte weiterhin auf einen Heckantrieb setzen, über einen neuen Frontmotor soll lediglich Energie zurückgewonnen werden. Bei Schnelllade-Boxenstopps könnten die Fahrzeuge mit bis zu 600 kW Leistung geladen werden.

Di Grassi bekennt, dass ihm ein Wechsel zu einem Allradantrieb besser gefallen hätte: "Mein Vorschlag wäre: Nehmt den aktuellen 250-kW-Heckmotor und setzt ihn zusätzlich an der Frontachse ein. Dann hätte man ein Auto mit insgesamt 500 kW Leistung und 500 kW Rekuperationskapazität. Das zusätzliche Gewicht könnte man einfach aus der Batterie nehmen, weil man mehr Energie zurückgewinnen kann. Das Auto wäre also gewichtsneutral, hätte aber doppelt so viel Power."

"Mit einem Front- und Heckantrieb würde die Formel E schneller als die Formel 1 von null auf 100 beschleunigen und wäre in ähnlicher Zeit bei 200 km/h. Dann hören die Leute endlich auf zu sagen, die Serie sei langsam", prognostiziert der Audi-Pilot.

Modularer Allradantrieb für verschiedene Strecken

Auf den Stadtkursen, die die Formel E üblicherweise besucht, wären 500 kW womöglich jedoch zu viel Leistung. "Deshalb müsste man diesen Allradantrieb modular machen", so di Grassi. "In Paris könnte man den Frontmotor nur zum Rekuperieren nutzen, oder ausschließlich auf das Hecksystem setzen. Wenn wir nach Mexiko kommen, könnte man im Qualifying die vollen 500 kW freigeben und im Rennen 250 kW vom Heck- und 100 vom Frontsystem nutzen. Der Attack-Mode könnte noch einmal 100 kW an der Front freigeben. So wäre man sehr flexibel mit den Leistungseinstellungen."

Die Fahrbarkeit der Elektro-Renner würde sich dennoch nicht vereinfachen. "Ich bin in der LMP gefahren, und Allrad-Autos sind garantiert nicht leichter zu fahren, vielleicht sogar noch etwas schwerer. Die Autos rutschten mit allen Rädern, und es war schwerer, ein Setup zu finden", erinnert sich der Brasilianer an seine WEC-Zeit mit Audi.

Kostenkontrolle weiterhin wichtig

Ein weiterer Gen3-Vorschlag von di Grassi: "Ich würde die Batterie auf den Fahrzeugboden verlegen, sodass das Auto ausbalancierter ist. Das ist umsetzbar, die FIA hat schon für das Robocar, bei dem die Batterie auch auf dem Boden liegt, ein eigenes Batterie-Monocoque zertifiziert. Ich habe das mal ausgerechnet: Wenn das Fahrzeuggewicht zu 56 Prozent vorne liegt, hätten wir eine exakte Balance von 50 zu 50, sobald das Auto beschleunigt."

Trotz aller technologischen Innovationen müsse die Formel E jedoch stets die Kosten regulieren, fordert der 35-Jährige. "Es ist ein Dreieck aus Kosten, Unterhaltung und Entwicklung. Diese Dinge müssen ausbalanciert sein: Mit offener Entwicklung steigen die Kosten, und der Unterhaltungsfaktor sinkt, weil die Differenz zwischen kleinen und großen Teams größer wird. Würden wir die Aerodynamik-Entwicklung freigeben, müsste sich jeder einen Windkanal holen. Würden wir die Batterie-Entwicklung freigeben, würden die Kosten auf 200 Millionen Dollar steigen."

Das müsse beim Gen3-Fahrzeug unbedingt beachtet werden, meint di Grassi. "Statt - wie es aktuell geplant ist - einen ganz neuen Einheitsmotor für die Vorderachse zu entwickeln, schlage ich deshalb vor, den schon entwickelten Heckmotor einzusetzen. Die Aggregate sind schon bei über 95 Prozent Effizienz - warum muss man da einen komplett neuen Antriebsstrang entwickeln? Natürlich muss über die Software sichergestellt werden, dass es zwischen beiden Systemen keine Kommunikation gibt."

Gen3 als wichtiger Meilenstein für Formel E

Das geplante Gen3-Regelwerk könnte laut di Grassi zu einem bedeutenden Meilenstein für den weiteren Weg der Serie werden. "Wenn sie es falsch machen, kann das für die Formel E große Konsequenzen haben", warnt er. "Momentan ist die Formel E noch etwas Neues - das wird ab dem Gen3 nicht mehr der Fall sein. Noch sind auch Elektroautos neu, aber in vier Jahren werden sie die Norm sein." Wenn die Serie kein grundlegend anderes Auto präsentiere, könnte dies zur Gefahr für die Formel E werden.

Ehe der Gen3-Renner zum Einsatz kommt, plant die Elektroserie jedoch zunächst einen Facelift für das derzeitige Gen2-Fahrzeug. Das "Gen2 EVO" wird ab Beginn der Formel-E-Saison 2020/21, also ab Ende dieses Jahres, zum Einsatz kommen.

Titelfoto: Lou Johnson / Spacesuit Media

Im Video: Der Gen2-EVO-Bolide der Formel E

von Tobias Bluhm  

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Kommentar von jeronimo069 |

Bin ich falsch oder Di Grassis Aussagen stammen aus dem Juli 2018 in Autosport? Obwohl diese Ideen heute noch sehr interessant und visionär sind, wäre es gut, sie zu spezifizieren ...

Kommentar von Timo |

Die Aussagen hier im Text stammen aus einem 90-minütigen Exklusiv-Interview im Rahmen der Berlinale am 22. Februar. Einzelne Gedanken daraus hat DIG aber auch schon in den vergangenen Monaten/Jahren von sich gegeben. Gruß, Timo

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