Gary-Paffett-HWA-Teampräsentation

Gary Paffett im Exklusiv-Interview: "Es wird hart, aber es wird Spaß machen"

Nach 15 Jahren in der DTM, in denen er mit Mercedes 2004 und 2018 den Meistertitel feierte, beginnt für Gary Paffett ein neues Kapitel in seiner Karriere: Gemeinsam mit HWA steigt der 37-jährige Brite in die Formel E ein. Auch wenn er zuletzt 2003 in der Formel 3000 ein Monoposto-Rennen bestritt, hat er Erfahrung in Formelautos zuhauf: Durch seine Verbindung zu Motorenlieferant Mercedes war Paffett von 2006 bis 2014 Testfahrer beim Formel-1-Team von McLaren, 2016 testete er für Williams. Bei der Teampräsentation von HWA in Affalterbach hat sich 'e-Formel.de' exklusiv mit Gary Paffett unterhalten.

Gary, was sind deine persönlichen Erwartungen für die kommende Saison?

Es ist schwierig, mit Erwartungen in die Saison zu gehen. Ich denke, dass wir einige Ziele haben, die wir erreichen wollen. Aber ich habe keine Erwartungen. Wir haben keine Ahnung, wo wir stehen werden. Sowohl ich als auch mein Teamkollege (Stoffel Vandoorne) sind Rookies in der Serie. Zwei neue Fahrer in einem neuen Team – wir haben also alle viel zu lernen. Ich kann daher nicht mit Erwartungen in die Saison gehen. Wir könnten fantastisch aus den Startlöchern kommen und von Anfang an vorne mit dabei sein, oder aber auch das absolute Gegenteil. Es ist unmöglich zu sagen.

Was gibt dir Hoffnung?

Das Team hat über die Jahre in der DTM außergewöhnliches geleistet. Sie haben durch die Zusammenarbeit mit Venturi große Fortschritte in der Formel E gemacht und versucht, so viel zu lernen, wie nur irgendwie möglich. Einige Ingenieure haben schon letzte Saison bei Venturi gearbeitet, waren dort in das Team integriert und haben viel gelernt. So gesehen starten wir aus einer relativ starken Position für ein neues Team. Wir müssen uns darauf fokussieren, den bestmöglichen Job zu machen und Fehler zu vermeiden. Es ist wichtig, so viel wie möglich in den ersten Rennen zu lernen, damit wir vielleicht ab Saisonmitte an die Performance denken können. Am Anfang geht es nur um Zuverlässigkeit und darum zu lernen.

In Diriyya startest du in dein erstes Monoposto-Rennen seit 2003. Glaubst du, dass es Spaß machen wird oder erwartest du ein hartes Wochenende?

Es wird beides – es wird hart, aber es wird Spaß machen. Auf jeden Fall werde ich es genießen - Rennen zu fahren, macht immer einen riesigen Spaß. Ich habe ja einige (Monoposto-) Tests gemacht, auch im Formel-1-Auto. Aber Tests sind immer etwas anderes, als Rennen zu fahren. Ich glaube, es wird wieder eine neue Erfahrung für mich, eine Erfahrung, die ich lange nicht mehr gemacht habe. Es wird hart, und ich werde nervös sein. Es hängt natürlich davon ab, ob ich im Qualifying die Pole-Position hole, dann werde ich sehr nervös sein (lacht).

Du sprichst dein "Nervenkostüm" als Rookie an - welche Rolle spielt es wirklich?

Wir werden sehen, wir werden Schritt für Schritt vorwärts gehen. Bei der Rennvorbereitung in der Startaufstellung ist man immer nervös, egal wo man steht. Ich werde ein paar Erinnerungen mit zurückbringen, denke ich. Ich habe aber absolut keinen Zweifel daran, dass es hart werden wird, in einer Startaufstellung voller talentierter Fahrer, guter Teams und Hersteller zu starten.

Wie oft hast du das neue Fahrzeug für Venturi getestet?

Ich habe insgesamt drei oder vier Testtage absolviert, ich weiß es nicht mehr genau. Ich bin ziemlich oft zwischen der DTM und Frankreich hin- und hergeflogen, manchmal habe ich auch nur einen halben Tag übernommen.

Wie ist die Sicht mit dem neuen Halo-System?

Die Sicht ist sehr gut. Manchmal hilft es sogar, weil es dich vor der Sonne schützt, wenn diese relativ niedrig steht. Es ist also nicht schlecht, wenn man sich ein wenig daran gewöhnt hat. Die mittlere Befestigung ist zwar relativ breit, aber man nimmt es gar nicht wahr. Um ehrlich zu sein, beweist das, wie wenig Rennfahrer gerade nach vorne gucken. Und den Ring sieht man gar nicht, weil er oberhalb des Sichtfeldes durch das Visier ist. Es ist wirklich okay. Nur bei der Startampel könnte es eventuell Probleme machen.

Kannst du beschreiben, wie sich das Formel-E-Fahrzeug im Vergleich zu deinem DTM-Auto fährt?

Es fühlt sich nicht nach so viel weniger Leistung an, da mit diesen Autos die Beschleunigung aus den Kurven heraus echt gut ist. Du fühlst ganz sicher nicht, dass das Auto zu wenig Leistung hätte. Das Griplevel ist mit den Reifen und dem geringen Anpressdruck relativ niedrig, daher fühlt es sich echt schnell an. Beim Bremsen verzögert das Auto nicht so schnell, das ist besonders auf einem Straßenkurs mit Bodenwellen schwierig. Die Autos sind schwierig zu fahren, besonders bei den großen Kerbs in den Schikanen und den engen Haarnadelkurven. Das ist eine große Herausforderung, auch wenn die Fahrzeuge nicht so schnell wie die DTM-Wagen sind, die sehr viel Grip bieten. Es ist in einer anderen Art und Weise herausfordernd, und das in einer Startaufstellung von hochtalentierten Fahrern, das macht es noch viel schwieriger.

Lucas di Grassi sagte kürzlich, dass durch das Brake-by-Wire-System die neuen Fahrzeuge deutlich einfacher zu fahren seien. Ist das besser für die Serie und für euch Fahrer?

Es ist viel besser für die Fahrer und auch für die Formel E. Ich denke nicht, dass es sich negativ auf die Serie auswirken wird. Es wird deshalb einfacher, weil es vorher sehr komplex war. Zu Beginn des Rennens, wenn die Batterie voll war, konntest du nicht rekuperieren. Wenn sich dies änderte, musste der Fahrer manuell nach und nach die Bremsbalance und Rekuperation anpassen – ein äußerst komplexer Vorgang. Der Fahrer konnte sich also nicht darauf konzentrieren, ans Limit zu gehen und so schnell zu fahren wie möglich, weil er immer an die Verstellung der Bremsbalance denken musste. Jetzt hat man immer noch viel mit der Verstellung der Bremsbalance zu tun, aber der Übergang vom Rennstart zur Rennmitte ist jetzt viel reibungsloser, was viel besser ist. Die Technologie ist besser. Ich glaube nicht, dass es einen Unterschied beim Racing machen wird. Es wird deshalb nicht langweiliger.

Als kannst du die Bedenken nicht wirklich nachvollziehen?

Ich verstehe nicht, weshalb manche Fahrer fürchten, nicht mehr die komplette Kontrolle zu haben. Auch im alten Fahrzeug bestand ein Großteil der Bremsleistung aus Rekuperation, und auch das hatte man als Fahrer nicht selbst unter Kontrolle, weil der Motor gebremst hat. Und wie viel der Bremsleistung nun mechanisch erfolgt und wie viel Rekuperation dabei ist, ändert sich ja nicht. Es ist jetzt nur ein reibungsloserer Prozess, weil die Technologie besser ist.

Was denkst du über die Fahrer in der Formel E?

Es gibt hier Fahrer mit verschiedensten Hintergründen, aber die Startaufstellung ist voller hochtalentierter Piloten. Das ist sehr ähnlich wie in der DTM, beide Serien haben ein äußerst wettbewerbsfähiges Fahrerfeld - vom ersten bis zum letzten Startplatz. Ich glaube daher, dass man diesbezüglich beide Serien gut miteinander vergleichen kann, und es zeigt, wie gesund die Serie ist. Die Hersteller und Teams verpflichten nur die besten Fahrer und sind nicht darauf angewiesen, dass Fahrer Geld mitbringen. Der Grund, weshalb Fahrer in einer Serie fahren wollen, sind die anderen Piloten, weil sie sich mit diesen Fahrern messen wollen. Und das bietet die Formel E derzeit.

Was denkst du über die Lackierung deines HWA-Autos?

Ich finde, es sieht großartig und elegant aus. Es ist seltsam für mich, ein HWA gebrandetes Fahrzeug zu sehen. Ich fahre seit 15 Jahren mit Fahrzeugen, die HWA gebaut hat, und hatte immer ein Mercedes-Logo darauf. Es ist ein wenig seltsam, nun ein Fahrzeug mit HWA-Logo zu sehen. Es ist dunkel und wirkt mysteriös. Es sieht gut aus, auch wenn es ein wenig dauern wird, sich daran zu gewöhnen. Aber es gefällt mir.

Du hast die Startnummer 17 auf deinem Auto. Kannst du uns erklären, warum du ausgerechnet diese Zahl gewählt hast?

Das Team hat mir eine Auswahl von Startnummern vorgelegt, und ich habe mich für die 17 entschieden. Wenn ich die freie Wahl gehabt hätte, hätte ich möglicherweise eine andere Zahl gewählt. Aber die 17 hat einige Bedeutungen für mich. Die persönlichste davon ist, dass ich am 17. Dezember geheiratet habe, es ist also eine sehr persönliche Bedeutung. Zudem habe ich über mehrere Jahre im Kartsport die 17 verwendet und mit ihr auch die Meisterschaft gewonnen. Ich verbinde die 17 also mit Erfolgen aus meiner Vergangenheit und hoffe, das wird sich fortsetzen.

Hättest du lieber einen erfahrenen Teamkollegen?

Ich glaube nicht, dass es einen Unterschied macht. Wir haben dieses Jahr sehr eng mit Venturi zusammengearbeitet, Edo (Mortara) fährt dort ja immer noch und hat einige Erfahrungen in der Formel E gesammelt. Ich glaube, wir haben in ihm jemanden, der sehr mit unserem Team verbunden ist und von dem wir lernen können, wenn wir Probleme haben. Ich denke, dass mein Teamkollege und ich sehr erfahrene und fähige Piloten sind.

War dein Teamkollege Stoffen Vandoorne eine Überraschung für dich?

Überhaupt nicht, ich habe erwartet, dass er es wird.

Foto: HWA

von Tobias Wirtz 

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