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Hintergrund zur Formel-E-Absage: Das steht im Erfahrungsbericht der Stadt Zürich

Paukenschlag in der Schweiz: Der Züricher Stadtrat hat in der vergangenen Woche die für den 9. Juni 2019 geplante zweite Auflage des Zürich E-Prix abgesagt. Grund dafür ist die Tatsache, dass die Stadt ihren Bürgern neben dem "Züri Fäscht" und dem "Zurich Pride Festival" im Sommer 2019 nicht noch eine dritte Großveranstaltung mit umfangreichen Auf- und Abbaumaßnahmen zumuten will. Den Inhalt des 17-seitigen Erfahrungsberichtes, den die Dienstabteilungen der Stadt Zürich nach dem ersten E-Prix vor drei Monaten verfasst haben und der die Grundlage für eine erneute Austragung 2020 sein soll, erläutern wir dir in diesem Artikel.

Den überwiegenden Teil des Berichtes nehmen "Rückmeldungen involvierter Dienstabteilungen" der Stadt Zürich ein, die den E-Prix aus ihrer Sicht betrachten. Vorher wird zunächst noch die Ausgangslage beschrieben, zudem gibt es einen Abschnitt "Rückmeldungen aus der Bevölkerung" sowie ein Fazit.

Grundlage für die Austragung des Zürich E-Prix war der Stadtratsbeschluss STRB Nr. 846 vom 5. Oktober 2017. Zur Frage der Wiederholung des E-Prix hielt der Stadtrat schon damals fest: "Ergibt die Auswertung des ersten Anlasses keine Hinderungsgründe, ist der Stadtrat bereit, eine Wiederholung des Anlasses in Aussicht zu stellen." Die Stadtpolizei wies jedoch darauf hin, dass zwischen dem Abbau des E-Prix und dem Aufbau des "Züri Fäscht" (5. bis 7. Juli 2019) mindestens vier Wochen liegen müssen, da sich die Veranstaltungsgelände teilweise decken.

Dies wäre bei einer Durchführung des Formel-E-Rennens am 9. Juni 2019 nicht gewährleistet. Ohnehin wird der Termin als kritisch angesehen, denn es handelt sich um den Pfingstsonntag, einen "hohen Feiertag". Nach §3 des kantonalen Ruhetags- und Ladenöffnungsgesetzes sind Sportveranstaltungen im Freien an hohen Feiertagen ausgeschlossen, wenngleich Ausnahmen definiert werden dürfen.

Rückmeldungen involvierter Dienstabteilungen

Das Präsidialdepartement (PRD) bezeichnet das Rahmenprogramm "eDays", bei dem Forschung und Entwicklung im Bereich E-Mobilität thematisiert wurden, als Erfolg. Das öffentlich zugängliche Programm sei hochwertig und international gewesen, heißt es. Auch Hochschulen und andere Institutionen waren beteiligt. Für den Hochschul- und Wissensstandort Zürich dürfte das Programm seine Wirkung entfaltet haben. Im Gegensatz dazu wurde das E-Village als nahezu reine Präsentationsplattform der E-Mobilitätsanbieter gewertet.

Zur Medienberichterstattung wurde festgehalten, dass vom 31.5. bis 20.6.2018 insgesamt 235 Artikel in der Schweizer Mediendatenbank zum Stichwort E-Prix erfasst worden sind. Außerdem erreichten Sonderbeilagen zu den drei Zeitungen 'Tages-Anzeiger', 'NZZ am Sonntag' und 'Blick' insgesamt rund 1,24 Millionen Leser. Dazu gab es 435.000 Zuschauer bei den Live-Übertragungen (365.000 beim SRF und 70.000 bei MySports). Das PRD schließt seinen Bericht mit den Worten: "Insgesamt trug die Berichterstattung aber positiv zur nationalen und internationalen Positionierung der Stadt Zürich bei. Die ausgedruckten und ausgestrahlten Bilder zeigten ein ideales Bild von Zürich als grüne Stadt am See unter blauem Himmel."

Der Bericht des Sicherheitsdepartments ist in drei Unterabteilungen gegliedert. Schutz & Rettung Zürich (SRZ) zieht dabei ein positives Fazit. Neben zwei festen Sanitätsposten waren sechs Rettungswagen, drei Tanklöschfahrzeuge und ein Drehleiterfahrzeug mit insgesamt 85 Mitarbeitern im Einsatz. 55 Patientinnen und Patienten wurden insgesamt behandelt, zwei von ihnen direkt ins Krankenhaus eingewiesen. Die häufigsten Verletzungen waren Schnitt- und Schürfwunden (27). Die Zusammenarbeit mit dem Veranstalter während des Auf- und Abbaus wird dabei als "immer kooperativ und zielführend" beschrieben.

Auch die Stadtpolizei (Stapo) sieht den E-Prix "grundsätzlich als gelungenen Großanlass". Aus den Erfahrungen müssten für eine Wiederholung jedoch diverse Korrekturen in Absprachen mit dem Veranstalter vorgenommen werden. Besonders betrifft dies den Auf- und Abbau der gesamten Infrastruktur. Als spezielle Herausforderung wird die relativ kurze Vorbereitungszeit gesehen - das Sicherheitskonzept musste vollkommen neu erarbeitet werden. "Unklare Angaben bezüglich Besucherzahlen" führten dazu, dass das Konzept erst kurz vor der Veranstaltung abgenommen werden konnte.

Die Festlegung maximaler Besucherkapazitäten in Teilen des Veranstaltungsgeländes inklusive Sperrkonzepten wird als notwendig und richtig erachtet. Dies führte jedoch zu Unmut und Beschwerden der Besucher, da nur 7.500 frei zugängliche Plätze mit Blick auf die Rennstrecke vorhanden waren. In der Folge kletterten Besucher auf Dächer, Baugerüste und Bäume, um freie Sicht auf die Rennstrecke zu haben. Ein Zuschauer stürzte dabei von einem Dach und verletzte sich. Schalldruckmessungen am Renntag ergaben einen Höchstwert von 106 Dezibel. Das Messergebnis wurde dabei auch vom Publikum sowie den über dem Veranstaltungsgelände kreisenden Helikoptern beeinflusst. Auflagen wurden größtenteils eingehalten, jedoch wiederholt sehr zeitknapp oder nach mehrmaliger Aufforderung.

Darüber hinaus habe der Veranstalter zu wenig Personal für die Einlässe und die Kontrollen der frei zugänglichen Bereiche zur Verfügung gestellt. Außerdem gingen 13 Beschwerden von Anwohnern wegen Lärms in den Nächten vor und nach dem E-Prix in der Einsatzzentrale der Stapo ein. Die Anwohner seien zudem nicht ausreichend über die nächtlichen Arbeiten informiert worden.

Die Dienstabteilung Verkehr (DAV) lobte die enge Zusammenarbeit mit dem Veranstalter. Als positiv wurde der Einsatz einer qualifizierten Verkehrsdienstfirma, eines qualifizierten Rennstreckenbauers sowie eines Eventspezialisten hervorgehoben. Gemeinsam habe man "unzählige außergewöhnliche Situationen" vorgefunden und rasch Lösungen vor Ort gefunden. Durch den Veranstalter falsch ausgeführte Aufträge wurden "von der DAV umgehend korrigiert, sodass es zu keinen Unfällen kam". Kritisiert wurde die zu knapp bemessene Zeit, sowohl bei der Vorbereitung als auch bei Auf- und Abbau. Besonders beim Abbau verärgerte dies viele Anwohner. Auch der DAV bemängelt, dass das finale Sicherheitskonzept erst drei Tage vor dem E-Prix zur Verfügung stand.

Auch der Bericht des Tiefbau- und Entsorgungsdepartments ist in drei Unterabteilungen gegliedert. Entsorgung und Recycling (ERZ) kommt zu einem positiven Fazit, sieht jedoch Verbesserungspotenzial bei der Planung der Auf- und Abbauarbeiten sowie bei der Informierung der Bevölkerung über diese Maßnahmen.

Grün Stadt Zürich (GSZ) sieht die Veranstaltung hingegen negativ. Das Arboretum und die anliegenden Grünanlagen seien, sofern sie als wichtiges Gartenkulturerbe erhalten werden sollen, "aus Sicht GSZ für solche Veranstaltungen nicht geeignet". Bäume und Wiesen haben erhebliche Schäden erlitten, außerdem wurde trotz gegenteiliger Auflagen ein Bergahorn mit 30 cm Durchmesser gefällt. Auch mussten Auflagen bezüglich des Baumschutzes durch die Polizei durchgesetzt werden.

Größere Rasenflächen müssten saniert werden, wegen ausgebliebener Niederschläge im Sommer 2018 sei der Schaden jedoch begrenzt und beläuft sich auf 175.000 Schweizer Franken. Bei einer jährlichen Wiederholung reiche eine Vegetationsperiode jedoch nicht aus, "um die reparablen Schäden der Anlage wieder instand zu setzen". Auch die Bodenverdichtung durch Trittbelastung von mehreren tausend Zuschauern schädige die Bäume nachhaltig.

Das Tiefbauamt (TAZ) beschreibt die Zusammenarbeit mit den Organisatoren als gut und zweckmäßig. "Bei gleicher Ausgangslage und dem gleichen Zusammenarbeitswillen der Organisatoren" stehe einer weiteren Austragung nichts im Wege. Da im Juni 2019 jedoch Kanalbauarbeiten im Bereich der Streckenführung geplant sind, müssten diese koordiniert werden. Das Verlegen von provisorischen Straßenbelägen wurde professionell geplant und ausgeführt, sodass keine Schäden aufgetreten sind. Auch das Baumodell mit einem privaten Ingenieurbüro und Bauunternehmen habe gut funktioniert, da diese die Stadt Zürich bereits kannten.

Das Department der Industriellen Betriebe (DIB), bestehend aus Energiewerk (ewz) und Verkehrsbetriebe (VBZ), gab eine positive Einschätzung des E-Prix ab. Laut ewz wurde das Event "alles in allem als sehr positiv wahrgenommen und kann mit einigen Learnings aus Sicht ewz wieder durchgeführt werden". Wesentliche Kritikpunkte waren jedoch das Fehlen eines zentralen Ansprechpartners vor Ort, Terminkonflikte infolge von ungeplanten Installationen, unklaren Bestellungen und spontanen Verschiebungen bei den Marktstandorten sowie die Planung der Zutrittsberechtigungen und die fehlende Bereitstellung von Unterlagen zu Baukörpern.

Die VBZ bescheinigten einen gut funktionieren öffentlichen Verkehr vor, während und nach dem Event, jedoch eine "sehr hektische, wenn nicht gar chaotische Planungs- und Aufbauphase". Kritisiert wurden hier ungenaue Pläne sowie fehlende Informationen und Erfahrungswerte. Auch seien die Unterlagen, die der Bewilligung zugrunde lagen, von niedriger Qualität gewesen, und Kontaktpersonen sowie verantwortliche Entscheidungsträger seien während der Aufbauphase schwer erreichbar gewesen. Ein Fugenband an der Gleisanlage wurde auf rund einem Meter herausgerissen und musste ersetzt werden.

Sämtliche bei der Stadt Zürich entstandenen Kosten (inkl. Personalkosten) hatte der Veranstalter zu tragen. Die provisorische Kostenschätzung bei der Stadt Zürich lag zwischen 2 und 2,5 Millionen Schweizer Franken, der Veranstalter musste eine Bankgarantie über jene 2,5 Millionen Franken nachweisen. Der Bericht schloss mit Kosten von rund 1,33 Millionen Franken, jedoch exklusive Mehrwertsteuer.

Rückmeldungen aus der Bevölkerung

Unmittelbar nach dem E-Prix rief die Interessengemeinschaft 'Formel-E-ade' Anwohner dazu auf, Mails mit einem vorbereiteten Text an die Stadtpräsidentin und Stadträtin Karin Rykart zu schreiben. Insgesamt 69 Mails gingen hier ein. Außerdem startete die Interessengemeinschaft die Petition "Kein weiteres Formula-E-Rennen in der engen Enge", die 1.572 Unterstützer fand.

Im Präsidialdepartement gingen 30 Rückmeldungen aus der Bevölkerung ein, die Mehrheit davon naturgemäß negativ. Die Kritik richtete sich gegen die Quartierbelastung, Lärm, Autorennen generell, fehlende Informationen und Großveranstaltungen grundsätzlich. Auch beim Sicherheitsdepartment gingen vereinzelte Beschwerden mit ähnlichen Inhalten ein: "Quartierbelastung und die mangelnde Information an die Anwohnerinnen und Anwohner, die Nachtarbeit und die damit verbundene Ruhestörung, Nachhaltigkeit, Werbeveranstaltung und generelle Meinung zu Autorennen. Es wurde auch bemängelt, dass es sich um einen VIP-Anlass handelte, da es nur sehr wenige (und dementsprechend rasch volle) frei zugängliche Stellen mit Blick auf das Rennen gab."

Im Gegensatz dazu dankte Zürich Tourismus mit einem Schreiben am 22. Juni 2018 dem Stadtrat "für den Mut und den innovativen Weitblick, diesen Anlass zu unterstützen. Dieser herausragende Formel E-Prix hat Zürich als vielfältige und attraktive Stadt gezeigt und die Wertschöpfung der Stadt erhöht. Mit dem Zürich E-Prix konnte die Sonnenseite von Zürich in die Welt getragen werden, die das Bild einer wunderschönen und smarten Destination am Puls der technologischen Entwicklung vermittelt hat". Aus Sicht von Zürich Tourismus müsse die Quartierverträglichkeit ernst genommen werden, dürfe jedoch nicht den ganzen Anlass gefährden. Auch der Gastroverband Zürich äußerte sich auf seiner Sitzung am 18. Juni 2018 positiv zum E-Prix.

Zusammenfassung

Die Mehrheit der involvierten Dienstabteilungen hat sich positiv zum E-Prix geäußert. Die Zusammenarbeit zwischen den Abteilungen, die mit teilweise deutlichem Mehraufwand trotz hohem Zeitdruck und vielen Kurzfristigkeiten eine gelungene Veranstaltung haben durchführen können, wird dabei besonders hervorgehoben. Obwohl der Stadt Zürich wertvolle Erfahrungswerte gefehlt haben, konnte eine mehrheitlich positiv wahrgenommene Großveranstaltung gemeistert werden.

Verbesserungspotenzial für eine Wiederholung wird hauptsächlich in einer längeren Vorbereitungs- und Planungszeit gesehen. Außerdem sollte von Seiten der Stadt Zürich eine zentrale Stelle für die Gesamtkoordination (wie dies beispielsweise beim "Züri Fäscht" der Fall ist) eingerichtet werden. Der Platzbedarf sollte realistisch eingeschätzt werden. Eine mögliche Konsequenz wäre, während der Aufbauphase keinen Verkehr entlang der Strecke durchzuführen. Auch sollte den Anwohnern transparent kommuniziert werden, dass sie durch die vielen temporären Bauten über längere Zeit in ihrem Alltag eingeschränkt werden.

Vor diesem Hintergrund ist eine Rückkehr der Formel E im Jahr 2020 durchaus vorstellbar. Nun muss sich der Veranstalter jedoch erst einmal nach einem alternativen Austragungsort für kommendes Jahr umschauen. Die besten Chancen werden aktuell Bern zugesprochen. Doch auch Lugano und Genf sollen abermals ihr Interesse angemeldet haben.

von Tobias Wirtz 

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