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Maximilian Günther im Formel-E-Interview: "Es gab keine Vorwürfe vom Team"

Dragon-Pilot Maximilian Günther setzte bei seinen ersten drei Formel-E-Rennen in dieser Saison ein Ausrufezeichen - und wurde dennoch zur tragischen Figur. Nach Platz 15 bei seinem Formel-E-Debüt in Diriyya arbeitete sich der 21-jährige Allgäuer in Marrakesch von Startplatz 21 auf Rang 12 vor. In Santiago qualifizierte er sich vor seinem erfahrenden (und schnellen) Teamkollegen Jose Maria Lopez auf Startposition 7, musste das Rennen allerdings aufgrund eines technischen Defekts vorzeitig aufgeben.

Nichtsdestotrotz musste Günther zum Mexico City E-Prix sein Cockpit für den Brasilianer Felipe Nasr räumen. Zwar soll das deutsche Nachwuchstalent "noch mindestens ein Rennen" in dieser Saison fahren - voraussichtlich den Rom E-Prix -, doch selbst dieser Renneinsatz scheint fraglich, nachdem sich Dragon auf Raffaele Marciello eingeschossen hat…

Kürzlich trafen wir Günther bei der Präsentation der "voestalpine European Races" in Linz. 'e-Formel.de' sprach mit ihm exklusiv über sein bisheriges Abschneiden in der Formel E, Freundschaften im Motorsport und seine aktuelle Einstellung zur Formel 1.

Max, wie bewertest du deine drei Formel-E-Rennen?

Die drei Rennen haben richtig viel Spaß gemacht.  Ich war schon an der Entwicklung des Penske EV-3 beteiligt, aber natürlich ist es etwas ganz anderes, Rennen zu fahren. Es waren drei richtig coole Strecken, dazu tolle und sehr abwechslungsreiche Locations. Es ist natürlich schade, dass für mich keine Punkte herausgesprungen sind. Das Potenzial war auf jeden Fall vorhanden, wie man in Chile gesehen hat. Ich habe schon einiges erlebt in meiner kurzen Formel-E-Zeit.

Wie war es für dich, in Santiago deinen Teamkollegen "Pechito" im Qualifying zu schlagen?

Das ist mir erstmalig gelungen, und so etwas tut natürlich immer gut. Die ersten beiden Qualifyings in Riad und Marrakesch verliefen ein wenig unglücklich. Oder ganz simpel: Ich habe zweimal gecrasht. Das war mein Fehler, ich bin ein zu großes Risiko eingegangen. Schon damals war aber das Potential vorhanden, wenn ich die Sektorenzeiten mit meinem Teamkollegen vergleiche. Seinen Teamkollegen bei jeder Gelegenheit zu schlagen, ist das Ziel jedes Rennfahrers. Zudem habe ich mit Jose Maria Lopez einen sehr erfahrenen Teamkollegen, der viel Erfahrung in der Formel E mitbringt und schon heute auf eine große Karriere zurückblickt. Es motiviert mich ungemein, gegen ihn eine gute Figur zu machen.

Du hast die Fehler in Diriyya und Marrakesch im Qualifying angesprochen. Macht dir das Team in solchen Fällen Vorwürfe?

(schmunzelt) Das kommt immer darauf an, was man gemacht hat... Das ganze Team zieht an einem Strang, egal ob wir wie in Chile von technischer Seite her ausgebremst werden, oder ob es ein Fahrfehler ist. Wir sitzen alle in einem Boot. Wir versuchen, alle Bereiche voll auszuloten. Bei Fehlern ist man im Team natürlich nicht glücklich darüber. Man muss es jedoch akzeptieren und gemeinsam das Beste daraus machen. Es gab keine Vorwürfe vom Team.

Wie hat dir Jose Maria Lopez geholfen, als du zu Dragon gewechselt bist?

Wir haben das neue Auto, den Penske EV-3, so gut entwickelt, wie wir es nur konnten. Es ist immer wichtig, zwei Fahrer im Team zu haben, die unterschiedliche Rückmeldungen geben. Er war zu mir sehr offen und hat mir den einen oder anderen Tipp gegeben, was wichtig in der Formel E ist und was grundlegend anders ist. Er gab mir Tipps, wie man im Rennen denken sollte und sich ein ganzes Rennen einteilt. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis miteinander, großen Respekt voreinander und eine sehr harmonische Stimmung im Team.

Gibt es bei Dragon Teamorder?

Nein, das gibt es bei uns nicht.

Dragon ist aktuell Vorletzter in der Gesamtwertung mit zwei mageren Pünktchen. Trotzdem war die Pace zumeist da. Wie ist die Stimmung im Team?

Es gab für uns alle vor Saisonbeginn viele Fragezeichen. Ein neues Gen2-Auto, zudem kamen neue Automobilhersteller wie BMW in die Serie. Da wusste man nicht genau, was passieren wird. Wir sind als Privatteam der kleinste Rennstall in der Formel E und wussten nicht genau, wohin die Reise gehen würde. Es stimmt uns nach dem bisherigen Saisonverlauf sehr positiv, dass wir eigentlich in jedem Rennen für Aufsehen sorgen und um Punkte fahren konnten.

Wie erlebst du den Formel-E-Paddock?

Es ist sehr modern und zeitgemäß. Die Stimmung ist gut, es gibt viele junge Leute, und das Konzept finde ich echt klasse. Die Fahrer sollen im Vordergrund sein, aber die Fans sollen auch ihren Anteil bekommen, mit den Piloten zu interagieren. Ich genieße den Paddock sehr, und alles macht mega Spaß - und zwar auf und neben der Strecke.

Kann ein Fahrer denn Freundschaften im Motorsport knüpfen?

Das ist schwierig. Am Ende des Tages fährst du gegeneinander und willst alle schlagen. Freundschaften hat es für mich in der Vergangenheit nie so gegeben, speziell in den Nachwuchsklassen nicht. Jeder Fahrer hat versucht, den anderen Fahrer auszustechen. In der Formel E herrscht jedoch eine andere Atmosphäre. Alle Fahrer sind ganz oben im Motorsport angekommen. Da es ältere und erfahrenere Piloten in der Formel E gibt, ist die Atmosphäre im Fahrerlager freundschaftlicher. Klar, auf der Strecke fährt jeder Pilot die Ellenbogen ganz weit aus. Daneben herrscht aber eine angenehme Stimmung, wesentlich entspannter als in anderen Rennserien.

Magst du den FANBOOST?

Der FANBOOST ist eine Supersache. Durch die Interaktion führt es Fahrer und Fan noch enger zusammen. Ich habe versucht, Stück für Stück meine Fanbase via Social Media aufzubauen. Es liegt aber auf der Hand, dass die Ex-Formel-1-Fahrer Felipe Massa, Stoffel Vandoorne oder Jean-Eric Verne mit ihren tausenden Followern den FANBOOST erhalten.

Wie bewertest du den dichtgedrängten Zeitplan eines Rennsamstags in der Formel E?

Es ist klar - man muss seine Prioritäten setzen. Jeder Fahrer hat die gleichen Rahmenbedingungen, hat viele Events auf und neben der Strecke zu absolvieren. Am Ende des Tages kommt es darauf an, einen guten Job auf der Strecke zu machen und mit dem Team das Rennauto so gut wie möglich einzustellen. Ich muss meine Energien richtig bündeln und - wenn's darauf ankommt - die Leistung abliefern. Damit bin ich ganz gut klargekommen. Aber so ein Rennsamstag in der Formel E ist schon ein stressiger Tag, und ich falle abends nur noch müde ins Bett.

Wie bereitet man sich als Fahrer auf einen E-Prix vor?

Ich mache viel körperliches Training. Ich habe meinen eigenen Fitnesstrainer - einen Sportwissenschaftler, der mir die Trainingspläne erstellt. Er trainiert mit mir zusammen in Kempten. Und im Simulator bereite ich mich bestmöglich auf ein Rennen vor.

Stichwort Kempten: Im Fitnessstudio trainierst du nicht zufällig mit Audi-Pilot Daniel Abt?

(lacht) Nein, er ist nicht dabei.

Wie kannst du nach einem Rennen am besten abschalten?

Am Rennsamstag erfolgt direkt nach einem Rennen die Aufarbeitung mit dem ganzen Team. Ich arbeite für mich selbst das Rennen nochmals auf. Am Sonntag auf der Heimreise schreibe ich im Flugzeug meinen technischen Bericht für das Team. Das wird immer nach jedem Rennwochenende gemacht. Wenn ich daheim bin, genieße ich die Zeit, andere Dinge zu machen.

Die da wären?

Ich verbinde immer alles mit Sport. Ich mache Triathlon, fahre leidenschaftlich gerne im Sommer in meiner Allgäuer Heimat Rennrad und mache im Winter Ski-Langlauf. Dann treffe ich mich noch mit den engsten Freunden, die Zeit dafür reicht aber oft nicht aus."

Das neue Porsche-Team sucht einen zweiten Fahrer für seinen Formel-E-Einstieg zur kommenden Saison. Gibt es Kontakt?

Nein, ich habe keinen Kontakt zu Porsche.

Du hast lange für deinen Startplatz bei Dragon gekämpft. Wie schwierig ist es, ein Formel-E-Cockpit zu bekommen?

Aktuell sind meiner Meinung nach die Formel 1, dann die Formel E und als Gegenstück die IndyCar die drei Topserien weltweit. Da die Formel 1 politisch und finanziell beeinflusst ist und man nur mit einer entsprechenden Mitgift einen Platz bekommt, ist da die Tür ziemlich zu für Normalsterbliche. In der IndyCar-Serie ist es nicht viel anders. Dann bleibt noch die Formel E übrig, die ähnlich wie die DTM die Fahrer anhand ihrer Qualität aussucht. Der Andrang auf ein Formel-E-Cockpit ist entsprechend riesig.

Du besitzt die österreichische und deutsche Staatsbürgerschaft, fährst aber mit deutscher Lizenz. Hast du dadurch Vorteile?

Es gibt keinen Unterschied, es wäre egal. Natürlich ist Deutschland eine Automobilnation und hat viele Autohersteller. Ich bin aber in Deutschland geboren und aufgewachsen. Das ist der Grund, warum ich aktuell für Deutschland fahre.

Nach dem jüngsten Rückschlag bei Dragon - bleibt die Formel 1 weiterhin dein großes Ziel?

Ich habe die Formel 1 nicht im Hinterkopf. Ich sehe meine Zukunft in der Formel E. Es ist eine hervorragende Rennserie und ein Privileg, dort zu fahren.

von Erich Hirsch 

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