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Performance-Analyse: Daniel Abt in Valencia stark, Blomqvist bester Rookie

Der Countdown läuft: Nur noch rund 50 Tage, bis die Formel E in Hongkong in ihre vierte Saison startet. In der vergangenen Woche bekamen Journalisten und Fans aus aller Welt bei den obligatorischen Testfahrten in Valencia bereits einen ersten Vorgeschmack auf die Saison. Wie so häufig reisen die Experten jedoch mit mehr Fragen als Antworten aus Spanien ab: Wie stark ist Audi nach der Sommerpause? Hat e.dams weiterhin den besten Antrieb? Und wie steht es um die Formel-E-Neulinge Jani, Lotterer und Filippi? Eine Analyse.

Ein einfacher Zeitenvergleich reicht nach den Testfahrten nicht aus. Schließlich platzierte die Formel E beispielsweise nach dem ersten Testtag eine neue Schikane auf der Start-/Zielgeraden und veränderte damit die Wettbewerbsbedingungen. Teams spulten zudem reihenweise Rennsimulationen ab und sammelten lieber Kilometer, als um die schnellste Zeit zu kämpfen. Es wäre zu einfach, Oliver Turvey (NIO) als neuen Titelkandidaten zu erklären, nur weil er nach drei Testtagen den Streckenrekord in Valencia hält.

Ohne das Testprogramm und die angestrebten Ziele der Teams zu kennen, ist es zudem schwer, einen kugelsicheren Vergleich der neuen Antriebsstränge aufzustellen. Eine etablierte Methode der Performance-Analyse ist daher das Umwandeln der schnellsten Zeiten in Prozentpunkte.

Die durchschnittliche Wochenbestzeit (1:20,876 Minuten) aller Fahrer entspricht hierbei 100 Prozent. Der Abstand der durchschnittlichen Rundenzeiten der einzelnen Piloten zu jener 100-Prozent-Marke bietet daraus resultierend dann einen Wert, der Rückschlüsse auf die Einzelleistung und die Konkurrenzfähigkeit des Antriebsstranges zulässt.

Audi & e.dams auf Augenhöhe, Venturi mit Problemen

Die erste große Erkenntnis aus Valencia: Audi hat offenbar den Anschluss an Renault e.dams gefunden - zumindest auf dem wenig repräsentativen Circuit Ricardo Tormo. Mit einem neuen "revolutionären Antriebskonzept", das ab sofort nur noch mit einem einzigen Gang auskommt, fehlen gerade einmal 0,8 Prozentpunkte auf die Franzosen. Wie im Vorjahr behält e.dams jedoch die Oberhand: Über alle drei Testtage verteilt kommt die Equipe auf beeindruckende 99,3 Prozent.

Rein statistisch gesehen hat Jaguar zudem nach den Vorsaison-Tests den drittbesten (!) Antriebsstrang. Während der Rundkurs in Valencia bei Weitem nicht repräsentativ für die Straßenkurse der Formel E ist und das Hauptaugenmerk der Briten ebenfalls auf den Longruns lag, scheint Jaguar zumindest auf einer schnellen Runde ganz vorn mitfahren zu können. Das Rating: 96,1 Prozent.

Enttäuschend präsentierte sich hingegen Venturi. Getriebeprobleme behinderten nicht nur das Fahrer-Shoot-out der Monegassen (eigentlich sollte noch in Valencia eine Entscheidung zwischen Edoardo Mortara und James Rossiter für das zweite Cockpit neben Maro Engel fallen), sondern spiegelten sich auch in den Performance-Ratings wider: Die beste Leistung zeigte Mortara am Donnerstagnachmittag (93,9 Prozent), das gesamte Team kam in der gesamten Woche jedoch nicht über einen Schnitt von 86,5 Prozentpunkten hinaus.

Audi sammelt Meilen

Auch die gefahrene Testdistanz dürfte Venturi Schweißperlen auf die Stirn treiben. Das 3-Gang-Getriebe von Zulieferer ZF limitierte die Testdistanz von Mortara auf 315 km, Rossiter auf 237 km, Engel auf 154 km und Benyahia sogar auf nur 77 km - rund die Hälfte dessen, was ein Großteil der meisten anderen Teams absolvieren konnte.

Rundenkönig der Formel E ist nach drei Testtagen der neue Audi-Werksfahrer Daniel Abt. Mit 245 Umrundungen machte der Deutsche im Alleingang beinahe so viele Touren wie Venturi. Mit zusätzlichen 229 Runden von Lucas di Grassi kommt Audi damit auf eine gemeinsame Testdistanz von 1.466 Kilometern - die Strecke einer gesamten Rennsaison. Auch NIO (451 Runden) und Virgin (439 Runden) sammelten gute Daten, die wenigsten Runden drehten Mahindra (286 Runden) und Venturi (254 Runden).

Abt im Quali-Modus schneller als Buemi

Und auch auf einer einzelnen Runde präsentierte sich Daniel Abt überaus stark. Mit einem Rating von 98,99 Prozent sind die Zeiten des Kempteners sogar knapp stärker als jene des amtierenden Vizechampions Sebastien Buemi (98,52 ) - obwohl Buemi am Dienstag sowohl am Vormittag als auch am Nachmittag die jeweils beste Rundenzeit setzte.

Bester Rookie scheint nach drei Testtagen Andretti-Kandidat Tom Blomqvist zu sein. Während der Brite nach wie vor keinen garantierten Startplatz im US-Kader hat, präsentierte sich der BMW-Werksfahrer in Valencia von seiner besten Seite. Im Rating erzielte Blomqvist 92,03 Prozent und führt die Rookie-Wertung damit vor seinem teaminternen Konkurrenten Alexander Sims (91,40 Prozent) an.

In puncto Abstand auf die schnellste Zeit des Tages liegt NIO-Neuling Luca Filippi hingegen klar an der Front. Im Schnitt fehlten dem Italiener 1,167 Sekunden auf die jeweilige Tagesbestzeit. Andre Lotterer (Techeetah) folgt mit 1,566 Sekunden, Blomqvist überzeugt mit 1,568 Sekunden Rückstand auch hier.

Die spannendste Saison der Geschichte?

Doch noch einmal: Auch nach den Testfahrten in Valencia können wir wenige Rückschlüsse auf die tatsächliche Leistung der neuen Antriebsstränge ziehen. Statt auf pure Rundenzeiten zu setzen, kämpften die Teams eher um Fahrzeugdaten, mit denen die insgesamt 20 Elektroboliden in letzter Sekunde vor dem Saisonauftakt in Hongkong optimiert werden sollen. Über die Qualität der Rennsimulationen kann auch die Prozent-Methode keine Auskunft geben.

Fans sind sich trotzdem einig, dass wir vor der spannendsten Saison der Formel-E-Geschichte stehen könnten. Audi und e.dams haben alle Ressourcen ausgeschöpft und halten sich an der Front abermals die Waage. Doch auch Mahindra, Virgin und Jaguar haben mehr als realistische Chancen auf Podien und Rennsiege. Nach zwei ernüchternden Jahren könnte NIO zudem neuer Geheimfavorit werden. Und was ist eigentlich mit Andretti und Dragon, die im Hintergrund von BMW beziehungsweise bald womöglich auch von Porsche unterstützt werden?

Freuen wir uns auf eine fabelhafte vierte Formel-E-Saison! e-Formel.de begleitet dich natürlich auch im Rennsportjahr 2017/18 durch die Fahrerlager der aufregendsten Städte der Welt und berichtet auch vor dem heiß erwarteten Saisonauftakt in Hongkong (2. Dezember) täglich über das Geschehen in der Formel E.

Die oben stehenden Grafiken zeigen die besten Fahrer und Teams nach dem Prinzip der Prozent-Punkte-Wertung, die durchschnittlichen Abstände der Rookies zur jeweils schnellsten Zeit des Tages sowie die insgesamt gefahrenen Runden.

von Tobias Bluhm 

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