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Performance-Analyse: Zahlen, Daten & Statistiken zur Formel E in Santiago

Im Anschluss an ein von Strafen, Unfällen und Kontroversen durchzogenes Rennen in Santiago darf sich Sam Bird (Virgin) als verdienter Sieger feiern lassen. Der Brite profitierte im E-Prix am vergangenen Samstag von einem Unfall von Sebastien Buemi (e.dams), der ihn an die Spitze des Feldes spülte. Bis kurz vor Schluss musste sich Bird allerdings den ständigen Angriffen von Pascal Wehrlein (Mahindra) widersetzen. Nach 36 Runden sah er die karierte Flagge dennoch als erster Fahrer.

Für den Briten ist es der insgesamt achte Sieg in seinem 48. Formel-E-Rennen. Er ist damit derzeit der einzige Pilot, der in jeder Formel-E-Saison einen E-Prix gewinnen konnte, und weiterhin der einzige Fahrer, der mit Virgin siegreich war. Einzig Lucas di Grassi kann im Verlauf dieser Saison noch mit Bird gleichziehen, sollte er für Audi noch einen Sieg einfahren können. Die Ingolstädter feierten in Santiago dank Daniel Abt ihr erstes Podiumsergebnis der Saison, nachdem ihre Serie von acht aufeinanderfolgenden Top-3-Resultaten zuvor in Diriyya und Marrakesch gerissen war.

Für Vorjahresmeister Jean-Eric Vergne (DS) verlief das Rennwochenende hingegen enttäuschend. Der Franzose qualifizierte sich nur auf Position 12 und musste das Rennen nach einem Unfall mit Antonio Felix da Costa (BMW), den sein eigener Teamkollege Andre Lotterer ausgelöst hatte, aufgeben. Es ist das erste Mal seit dem Paris E-Prix 2017 (20 Rennen), dass der Franzose und Techeetah keine Zähler sammelten.

Übrigens: Mit Spitzentemperaturen von 37,9 Grad Celsius hat der Santiago E-Prix einen etwas mehr als vier Jahre alten Rekord für das heißeste Rennen der Formel-E-Geschichte abgelöst. Zuvor hatte diesen Titel das malaysische Putrajaya inne, wo beim Rennen im November 2014 33,0 Grad Celsius gemessen wurden - wenn auch mit einer deutlich höheren Luftfeuchtigkeit.

Nissan e.dams mit bestem Start & 1. Attack-Mode-Aktivierung

In den ersten Runden des E-Prix behielten die Fahrer dennoch größtenteils einen kühlen Kopf. Trotz einigem "Lackaustausch" in den ersten Kurven gab es kaum nennenswerte Vorfälle in der Startphase. Die meisten Positionen machte Oliver Rowland (e.dams) gut, der drei Plätze gewann. Di Grassi, Robin Frijns und Nelson Piquet jr. überholten jeweils zwei Fahrzeuge, Felix da Costa, Alex Sims und Sam Bird jeweils eines. Alle anderen Fahrer behielten ihre Startposition bei oder büßten Plätze ein.

Bereits kurz nach dem Start entschied sich mit Sebastien Buemi ausgerechnet der Führende des Rennens, in Runde 6 als erster Fahrer den Attack-Mode zu aktivieren - in Anbetracht seiner guten Position durchaus eine Überraschung. Bereits wenig später folgten die meisten anderen Piloten. In den Runden 12 bis 15 befand sich mit zehn Fahrern fast die Hälfte des gesamten Feldes im 225-kW-Modus.

Eine zweite Attack-Mode-Phase zeichnete sich zum Ende des zweiten Renndrittels ab, als stellenweise sechs Piloten zeitgleich den vierminütigen Schub nutzten. Auffällig ist, dass in den letzten zwei Runden kein einziger Fahrer mehr den Attack-Mode nutzte. Im FANBOOST gelang lediglich Jerome d'Ambrosio ein Überholmanöver gegen Piquet jr. im Kampf um Rang 13. Felix da Costa und Abt brachte der Schub keinen Erfolg. Stoffel Vandoorne und Sebastien Buemi fielen aus, bevor sie ihren Boost überhaupt nutzen konnten.

Bei den im Rennen gewonnen Plätzen liegen naturgemäß die Fahrer vorne, die trotz guter Performance am Renntag ein schlechtes Qualifying erlebten und von weit hinten starten mussten. Auch die zahlreichen Ausfälle - acht insgesamt - sorgten dafür, dass Fahrer von ganz hinten beachtliche Positionsgewinne verzeichneten. Di Grassi, d'Ambrosio, Frijns und Oliver Turvey gewannen jeweils zehn Positionen, Piquet acht. Mitch Evans verbesserte sich um fünf Plätze, Bird um drei. Gary Paffett und Edo Mortara kamen zwei Plätze voran, Sims, Jose Maria Lopez und Lotterer jeweils einen.

Pascal Wehrlein erstmals Sieger im Performance-Rating

Doch was sagen die harten Fakten? Wie haben sich die einzelnen Fahrer durch alle Sessions hindurch geschlagen? In unserer obligatorischen Performance-Analyse blicken wir auf die Einzelleistung jedes Fahrers im direkten Vergleich mit der Konkurrenz. Eines vorweg: Unsere Performance-Analyse ist natürlich nicht frei von gewissen Einflüssen, beispielsweise absichtliches Langsamfahren im Freien Training oder Fahrfehler im Qualifying, die wir leider nicht vollständig herausfiltern können. Eine detaillierte Erklärung unseres Berechnungssystems findest du am Ende dieses Artikels.

Der Gewinner in der Fahrerwertung unserer Performance-Analyse ist dieses Mal Pascal Wehrlein mit 99,78 Prozent. Nach dem frühen Ausfall bei seinem Debüt in Marrakesch fuhr der Deutsche nicht nur die Bestzeit im Qualifying (Gruppenphase). Im Rennen holte er mit dem zweiten Platz auch seine ersten Formel-E-Zähler.

Knapp dahinter folgt mit 99,70 Prozent Lucas di Grassi im Audi. Der Brasilianer gewann nicht nur das 1. Freie Training, sondern deklassierte die Konkurrenz zudem mit einer Traumrunde in der Super-Pole. Wegen eines Fehlers auf seiner Qualifying-In-Lap wurde er jedoch disqualifiziert und musste vom letzten Startplatz aus ins Rennen gehen. Im Rennen verursachte er bei gelben Flaggen einen Unfall mit Jose Maria Lopez und erhielt eine 10-Sekunden-Stop-and-Go-Strafe, die ihn auf Platz 12 zurückwarf.

Dritter im Performance-Rating wurde ein wenig überraschend jener Lopez, der auf 99,48 Prozent kam. Im Rennen erreichte er in Folge der Kollision mit di Grassi allerdings nur Platz 9. Zudem erhielt er nachträglich eine Strafe, weil er mehr als 200 kW Energie verbraucht hatte. Unmittelbar hinter Lopez folgt mit Daniel Abt der zweite Audi-Pilot. 99,44 Prozent stehen beim Renndritten am Ende zu Papier. Dank der schnellsten Rennrunde nahm Abt sogar 16 Punkte aus Santiago mit nach Hause.

Marrakesch-Protagonisten rutschen ab

Es folgt der Rennsieger Sam Bird. Mit dem zweiten Podiumsergebnis in Folge übernahm der Virgin-Pilot auch die Führung in der Gesamtwertung der Formel E. 99,39 Prozent reichen zu Platz 5, unmittelbar vor seinem Teamkollegen Robin Frijns, der bei 99,15 Prozent landete. Der Niederländer hatte den Nachteil der ersten Qualifying-Gruppe, die eine deutlich schmutzigere Strecke vorfand.

Nur im Mittelfeld zu finden sind die vier Fahrer, die nach dem Marrakesch E-Prix die Fahrerwertung anführten: Andre Lotterer (Platz 10; 98,88 Prozent), Antonio Felix da Costa (Platz 12, 98,82 Prozent), Jean-Eric Vergne (Platz 13, 98,82 Prozent) und Jerome d'Ambrosio (Platz 15, 98,72 Prozent). Von diesen Piloten gelang es nur d'Ambrosio, in Santiago zu punkten - einen einzigen Punkt nahm der Belgier mit nach Hause.

Nur am Ende des Feldes zu finden ist trotz starker Qualifikation Maximilian Günther. 98,31 Prozent bedeuten nur Platz 19 für den Dragon-Piloten. Noch schlechter schlossen lediglich Nelson Piquet jr. (98,30 Prozent), Gary Paffett (97,96 Prozent) und NIO-Pilot Tom Dillmann (97,46 Prozent) ab.

Riesiger Rückstand am Ende des Feldes

Wenn man die Rückstände anhand der Rundenlänge (2,348 km) in Meter umrechnet, ergibt sich pro Runde folgendes Bild: Wehrlein liegt 1,93 Meter vorne, Lopez fehlen dann aber schon mehr als fünf Meter auf di Grassi. Abt liegt und 87 Zentimeter dicht hinter dem Argentinier, Bird folgt nach weiteren 1,23 Metern. Frijns hat dann jedoch schon mehr als eine Fahrzeuglänge, genauer gesagt 5,55 Meter, Rückstand auf seinen Teamkollegen. Dillmann hat am Ende des Feldes 11,60 Meter, also mehr als zwei Fahrzeuglängen, Rückstand auf den Vorletzten (Paffett) und 19,7 Meter auf den Drittletzten (Piquet). Pro Runde fehlen ihm auf die Spitze mehr als 54 Meter.

Audi & Mahindra nahezu gleichauf

Bei den Teams gibt es auch einen neuen Sieger in dieser Saison: Audi zeigte mit 99,82 Prozent das Potenzial des e-tron FE05 des Werksteams. Den Sieg unserer Performance-Analyse holten sich die Ingolstädter aber nur denkbar knapp vor Mahindra. Die Inder kamen auf 99,78 Prozent. Mit einigem Rückstand folgt Dragon auf der niedrigsten Stufe des Treppchens mit 99,51 Prozent. Virgin kam auf 99,46 Prozent, e.dams auf 99,21 Prozent.

Es folgt eine weitere Lücke zu BMW (99,06), Jaguar (99,05) und DS Techeetah. Die Chinesen enttäuschen mit 99,04 Prozent. Das Ende des Feldes bilden Venturi mit 98,97 Prozent, HWA mit 98,39 Prozent und NIO mit 98,32 Prozent.

Auch an dieser Stelle noch die traditionelle Umrechnung: Audi liegt 87 Zentimeter vor Mahindra, Dragon weitere 6,41 Meter dahinter. Virgin verliert 1,17 Meter, e.dams noch mal 5,86 Meter, und BMW weitere 3,40 Meter. Jaguar folgt nach 26 Zentimetern, DS Techeetah nach weiteren 28 Zentimetern. Venturi verliert 1,61 Meter, HWA 13,58 Meter und NIO zusätzliche 1,66 Meter - was auf eine Runde insgesamt etwas mehr als 35 Meter Rückstand auf die Spitze bedeutet.

Erklärung des Berechnungssystems

Für jede Session (Freie Trainings, Qualifying und Rennen) wird die jeweils absolut schnellste Rundenzeit durch die persönliche Bestzeit jedes Fahrers geteilt. Das Ergebnis wird anschließend in Prozentpunkte umgerechnet. Für jeden Fahrer werden anschließend die Prozentwerte sämtlicher Sessions addiert und durch die Anzahl der Sessions geteilt. Da die Piloten nur jeweils eine 250-kW-Runde in jedem der beiden Freien Trainings haben, betrachten wir nur das jeweils stärkste Ergebnis der beiden Freien Trainings. Somit ergibt sich der durchschnittliche Performance-Wert, unser "Performance-Rating". Bei den Teams ist das Vorgehen identisch, nur dass hier pro Session allein die schnellere Bestzeit der beiden Fahrer gewertet wird.

Leistet sich ein Fahrer im Qualifying, wo es nur einen Versuch gibt, einen Unfall, einen größeren Fahrfehler oder erzielt in einer Session keine Rundenzeit, fließt diese Session selbstverständlich nicht in die Wertung ein, um das Ergebnis nicht zu verfälschen.

von Tobias Wirtz 

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