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Performance-Analyse: Zahlen, Daten & Statistiken zur Formel E in Sanya

Nach einem erneut von vielen Zwischenfällen und einer weiteren Rennunterbrechung geprägten Sanya E-Prix erzielte Jean-Eric Vergne am Samstag den Formel-E-Heimsieg für sein chinesisches Techeetah-Team. Außerdem war es der erste Sieg von Techeetah mit dem neuen Antriebspartner DS in der Elektrorennserie. Für Titelverteidiger Vergne ist in einer bislang durchwachsenen Saison wieder alles möglich. Durch seinen Sieg setzte sich die abwechslungsreiche Formel-E-Saison 2018/19 weiter fort: Mit dem Franzosen gewann im sechsten E-Prix der Gen2-Fahrzeuge der sechste Sieger aus dem sechsten Team.

Attack-Mode klarer Nachteil im Positionskampf

Der Attack-Mode sorgte in Sanya erneut für jede Menge Spannung. Die Freischaltung des 225-kW-Motoren-Mappings, das vor der Saison als neues strategisches Element eingeführt wurde, führte durch die Platzierung der Aktivierungszone in Kurve 3 in vielen Fällen zu Zeit- und Platzverlusten. Aufgrund der Streckenführung war der Leistungsüberschuss allerdings in den seltensten Fällen eine Überholhilfe. In anderen Worten: Im Positionskampf war der Attack-Mode ein eindeutiger Nachteil.

Auch die Teams waren sich dieses Problems bewusst und versuchten, der Aktivierung während eines Zweikampfes möglichst aus dem Weg zu gehen. Umso gelegener kam vielen das Safety-Car nach dem Ausfall von Alexander Sims, denn während dieser Phase mit geltendem Überholverbot ließ sich der Attack-Mode guten Gewissens aktivieren. Während zuvor höchstens vier Fahrer zeitgleich im Attack-Mode fuhren, schalteten nach der roten Flagge vor dem Neustart des E-Prix gleich elf Fahrer in den Modus.

Für Aufsehen sorgte Lucas di Grassi, der die Attack-Zone gleich bei zwei Versuchen in den Runden 10 und 16 verpasste und dabei viel Zeit verlor. Ebenfalls bemerkenswert: Zumindest Edoardo Mortara aktivierte seinen Boost nur einmal. Er erhielt dafür nach Rennschluss eine 16-Sekunden-Zeitstrafe. Antonio Felix da Costa durchquerte seinerseits in Runde 25 zwar die Attack-Zone und wurde im TV-Bild mit einer erfolgreichen Aktivierung vermerkt. Dennoch leuchtete sein Halo nicht im bekannten Attack-Mode-Blau auf. Offenbar handelte es sich dabei aber um einen Übertragungsfehler seitens der FIA und nicht um ein Transponder-Problem seines Autos.

Nissan-Doppelsieg im Performance-Rating

Doch was sagen die harten Fakten? Wie haben sich die einzelnen Fahrer durch alle Sessions hindurch geschlagen? In unserer obligatorischen Performance-Analyse blicken wir auf die Einzelleistung jedes Fahrers im direkten Vergleich mit der Konkurrenz. Eines vorweg: Unsere Performance-Analyse ist natürlich nicht frei von gewissen Einflüssen - beispielsweise absichtliches Langsamfahren im Freien Training oder Fahrfehler auf der einzigen Qualifying-Runde -, die wir leider nicht vollständig herausfiltern können. Eine detaillierte Erklärung unseres Berechnungssystems findest du am Ende dieses Artikels.

Der Gewinner in der Fahrerwertung unserer Performance-Analyse ist diesmal Sebastien Buemi mit überragenden 99,90 Prozent. Der Nissan-Fahrer gewann das 2. Freie Training und die Qualifying-Gruppenphase. Er bleibt aber auch einer der Pechvögel der aktuellen Saison, denn Platz 8 zeigt sicherlich nicht sein wahres Potenzial in Sanya. Das mäßige Rennergebnis ist nach den Vorfällen in und nach der Super-Pole sowie der Kollision mit Robin Frijns kurz vor Schluss nichtsdestotrotz als Schadensbegrenzung zu werten.

Zweiter im Performance-Rating wurde mit 99,71 Prozent Buemis Teamkollege Oliver Rowland. Erneut präsentierte sich der junge Brite in Topform. Nach drei Ausfällen in Folge gelang es ihm dieses Mal, mit Platz 2 endlich Zählbares mitzunehmen. Nissan freut sich über sein erstes Podium in der Formel E - nach der Leistung von Rowland ablsolut verdient.

Auf dem dritten Platz landete mit 99,66 Prozent der spätere Renndritte und neue Gesamtführende, Antonio Felix da Costa. Der BMW-Pilot präsentierte sich nach mehreren etwas schwächeren Wochenenden wieder in der Form, die wir nach den Vorsaison-Tests in Valencia und dem Auftaktsieg in Diriyya von ihm und BMW auch erwartet haben.

Äußerst knappes Mittelfeld

Es folgt der amtierende Champion und Sanya-Sieger Jean-Eric Vergne (99,60). Ihm dicht auf den Fersen liegen zwei weitere Konkurrenten im Titelkampf: Lucas di Grassi und Jerome d'Ambrosio, die es beide auf 99,42 Prozent brachten. Di Grassi wurde kurz vor Schluss Leidtragender der Kollision zwischen Buemi und Frijns und ging damit nach zwei starken Ergebnissen in Mexiko-Stadt und Hongkong leer aus. D'Ambrosio war nach einem unauffälligen Rennen Nutznießer der Kollsion und der anschließenden Strafe gegen Buemi und nahm mit Rang 6 wichtige Zähler mit, die ihn nur einen Punkt hinter Felix da Costa zurückfallen ließen.

Dahinter liegt Edoardo Mortara, der trotz guter 99,33 Prozent in Sanya nicht mit der Spitze mithalten konnte. Der Schweizer lag unmittelbar zwischen seinem Landsmann Buemi und den beiden Mahindra-Piloten und kollidierte in der vorletzten Runde  ebenfalls mit dem gestrandeten Frijns. Er fiel mit defektem Frontflügel folglich auf den zehnten Platz zurück. Ein technisches Problem sorgte aber dafür, dass er den Attack-Mode nur einmal verwenden konnte. Die daraus folgende Strafe warf ihn komplett aus den Punkterängen. Platz 8 geht mit 99,20 Prozent an eben jenen Frijns, der dieses Mal der stärkere der beiden Virgin-Piloten war. Punkte blieben ihm im Rennen nach dem bereits beschriebenen Unfall ebenfalls verwehrt.

Es folgen die beiden Punkte-Hamsterer der fünften Formel-E-Saison, Mitch Evans (99,17) und Daniel Abt (99,12): Sechsmal landenten sie in den bisherigen sechs Saison-Rennen unter den Top 10. Jaguar scheint in dieser Saison allerdings wirklich keinen guten Antrieb gebaut zu haben, was Evans jedoch nicht davon abhält, sich mit Konstanz jedes Rennen erneut in die Punkte vorzukämpfen - dieses Mal von Startplatz 20 auf Platz 9. Abt war in Sanya der erfolgreichste der vier Piloten mit Audi-Antrieb, die in Sanya nicht so konkurrenzfähig waren wie in den vergangenen Wochen. Genau wie Evans hielt sich Abt im Rennen wie so häufig aus allen größeren Scharmützeln heraus, sodass er trotz unauffälligen Rennens weiterhin im Titelkampf bleibt.

Das Mittelfeld ist eng umkämpft. Zwischen Platz 12 (Massa) und Platz 16 (Vandoorne) liegen gerade einmal 0,03 Prozent. Ebenfalls hier zu finden ist der in Hongkong noch so starke Sam Bird (Platz 15; 98,98 Prozent), der in Sanya einfach nicht auf Touren kam und nach dem frühen Ausfall infolge der Kollision mit Vandoorne auch die Gesamtführung verlor. Am Ende des Feldes liegen abgeschlagen Tom Dillmann (98,65), Jose Maria Lopez (98,47), Nelson Piquet jr. (98,09) und Gary Paffett (97,88).

Abstände: Minimal 4 Millimeter Unterschied auf eine Runde!

Wenn man die Rückstände anhand der Rundenlänge (2,236 km) in Meter umrechnet, ergibt sich pro Runde folgendes Bild: Buemi führt mit rund 4,23 Metern vor Rowland, der seinerseits 1,25 Meter Vorsprung auf Felix da Costa hat. Vergne folgt nach weiteren 1,18 Metern, di Grassi liegt dann 4,05 Meter zurück. D'Ambrosio hat aber nur 15 Zentimeter Rückstand auf den Audi-Piloten, bevor weitere 1,84 Meter dahinter Edo Mortara folgt. Robin Frijns hat 3,05 Meter Rückstand auf den Venturi-Piloten, 51 Zentimeter weiter hinten liegt Mitch Evans, der seinerseits 1,30 Meter Vorsprung auf Daniel Abt hat.

Der kleinste Abstand im gesamten Feld besteht zwischen Felipe Massa und Alexander Sims: Gerade einmal vier Millimeter (0,004 Meter) trennen den Brasilianer und den Briten auf eine Runde im Kampf um Platz 12 - der engste Abstand, den wir in den anderthalb Jahren unserer Performance-Analyse jemals ermittelt haben! Am Ende des Feldes verliert Piquet pro Umlauf bereits mehr als 40 Meter auf die Spitze, bei Paffett sind es sogar mehr als 45 Meter.

Performance-Rating der Teams

Bei den Teams bleiben die großen Überraschungen aus, wenn man das Ergebnis der Fahrerwertung bereits kennt: Nissan liegt mit 99,90 Prozent deutlich vor BMW (99,66 Prozent) und DS (99,60 Prozent). Es folgen Audi (99,48), Mahindra (99,42) und Venturi (99,33).

Mit einem kleineren Abstand kommen anschließend Virgin (99,20) und Jaguar (99,17), bevor eine weitere Lücke zu NIO klafft, die es auf 99,04 Prozent brachten. Aber damit sind die Chinesen immer noch deutlich vor Dragon, die mit 98,48 Prozent Platz 10 belegen. Das Schlusslicht von Sanya ist HWA. Die Truppe aus Affalterbach erzielte nur 98,35 Prozent.

Erneut die traditionelle Umrechung in Meter: Nach einer Runde des 2236 Meter langen Kurses hat Nissan 5,48 Meter Vorsprung auf BMW, was etwas mehr als einer Fahrzeuglänge entspricht. DS liegt dann 1,18 Meter dahinter, 2,86 Meter vor Audi. Die Lücke zu Mahindra beträgt 1,33 Meter, dahinter zu Venturi sind es weitere 1,84 Meter. Nach 3,05 Metern folgt Virgin, die 51 Zentimeter vor Jaguar liegen. NIO hat weitere 3,07 Meter Rückstand, Dragon weitere 12,54 Meter. Am Ende folgt nach weiteren 2,82 Metern HWA, die somit einen Rückstand von 34,7 Metern oder knapp sieben Fahrzeuglängen auf Nissan haben.

Erklärung des Berechnungssystems

Für jede Session (Freie Trainings, Qualifying und Rennen) wird die jeweils absolut schnellste Rundenzeit durch die persönliche Bestzeit jedes Fahrers geteilt. Das Ergebnis wird anschließend in Prozentpunkte umgerechnet. Für jeden Fahrer werden anschließend die Prozentwerte sämtlicher Sessions addiert und durch die Anzahl der Sessions geteilt. Da die Piloten nur jeweils eine 250-kW-Runde in jedem der beiden Freien Trainings haben, betrachten wir nur das jeweils stärkste Ergebnis der beiden Freien Trainings. Somit ergibt sich der durchschnittliche Performance-Wert, unser "Performance-Rating". Bei den Teams ist das Vorgehen identisch, nur dass hier pro Session allein die schnellere Bestzeit der beiden Fahrer gewertet wird.

Leistet sich ein Fahrer im Qualifying, wo es nur einen Versuch gibt, einen Unfall, einen größeren Fahrfehler oder erzielt in einer Session keine Rundenzeit, fließt diese Session selbstverständlich nicht in die Wertung ein, um das Ergebnis nicht zu verfälschen.

von Tobias Wirtz 

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