Roborace-DevBot-2.0-and-Robocar

Roborace-CEO Lucas di Grassi exklusiv: Rennkalender für Alpha-Saison kurz vor Veröffentlichung, Berlin wohl dabei

Seit mehreren Jahren laufen die Planungen für Roborace, die erste autonome Rennserie der Welt. Nachdem bereits im Februar 2017 das von Daniel Simon designte Robocar präsentiert wurde, hielt Roborace lediglich einige Demofahrten im Rahmenprogramm der Formel E und bei ausgewählten Events ab, etwa beim "Festival of Speed" in Goodwood. Auf das erste Rennen oder zumindest einen konkreten Zeitplan für die Rennserie warten die Fans aber bislang vergeblich.

Im Exklusiv-Interview mit 'e-Formel.de' erläutert Lucas di Grassi, seit September 2017 CEO von Roborace, den aktuellen Stand der Planungen: "Die erste Saison wird dieses Jahr beginnen und Saison Alpha heißen. Nächstes Jahr folgt Saison Beta, und 2021 dann Saison 1." Die Benennung der beiden Test-Saisons ist dabei kein Zufall. Die Namen sind an die Bezeichnungen für Stadien in der Softwareentwicklung angelehnt: Eine Alpha-Version bezeichnet die erste Version, die zum Testen freigegeben wird und in der Regel nur die wesentlichen Funktionen der Software enthält. Hier sind noch grundlegende Anpassungen des Funktionsumfangs möglich und üblich. Eine Beta-Version wird im Anschluss veröffentlicht. Der Test dient eher dem Feintuning der Software im Praxiseinsatz.

Di Grassi betont, dass ihm und seinem Team noch sehr viel Arbeit bevorsteht: "Die Leute müssen geduldig sein und verstehen, dass es heute immer noch nicht die Technologie dafür gibt, 20 Autos gleichzeitig gegeneinander Rennen fahren zu lassen. Niemand auf der Welt hat diese Technologie." Er zieht dabei Vergleiche zur Formel E: "Die Formel E ist 2012 als Konzept gestartet, Roborace etwa fünf Jahre später. Daher erwarten wir, in fünf Jahren auf dem Stand der Formel E von heute zu sein. Wir müssen daher die Erwartungen ein wenig im Zaum halten, aber wir müssen natürlich auch loslegen."

Die Zielsetzung bis zur eigentlichen Premierensaison 2021 liegt dabei eher in der Entwicklung eines zukunfsträchtigen Konzeptes für die Rennserie. Der Formel-E-Champion von Saison 3 erläutert: "Die Idee hinter diesen vorbereitenden Saisons ist, die Anforderungen zu verstehen: Was mögen die Zuschauer, was mögen sie nicht? Wie können wir Roborace verbessern? Wie können wir die Begeisterung der Menschen für den Motorsport in autonomes Fahren transportieren? Welche Bestandteile des autonomen Fahrens lassen wir für die freie Entwicklung offen? Bei welchen tun wir dies nicht? Es ist ein äußerst komplexes Projekt."

"Saison Alpha wird mit wenigen Fahrzeugen und Rennen starten. In den ersten Saisons geht es dabei nicht um den Wettkampf, sondern mehr darum, eine Show zu bieten. Es ist eine Tech-Veranstaltung, bei der Tech-Unternehmen zeigen, was sie entwickeln. Wir werden mit keiner bestehenden Serie konkurrieren, sondern wollen unseren eigenen Bereich im Motorsport schaffen."

Rennkalender soll in Kürze veröffentlicht werden - wohl inklusive Berlin E-Prix

Di Grassi äußerte sich an unserem Mikrofon auch konkret zum Zeitplan der Rennserie: "Wir haben bereits Teams, auch die Events stehen mehr oder weniger fest. Der Beginn wird im April oder Mai sein. Ende Februar, Anfang März präsentieren wir den Rennkalender und die Teams."

Jedem, der den im Januar veröffentlichten Zeitplan des Berlin E-Prix aufmerksam gelesen hat, wird aufgefallen sein, dass hier drei Roborace-Sessions eingeplant sind: Ein 30 Minuten langer Shakedown und eine 40 Minuten lange Session am Freitag sowie eine weitere, 40 Minuten lange Session am Samstagmorgen. Daher erscheint es nur logisch, dass der Berlin E-Prix im Rennkalender von Roborace auftauchen wird. Der Rennkalender der Formel E legt zudem nahe, dass Roborace bei weiteren Events der elektrischen Rennserie in Europa, wie Rom, Monaco und möglicherweise Bern, dabei sein könnte.

Roborace im Rahmen der Formel 1?

Doch Roborace wird sich laut eines Berichtes von 'Motorsport.com' nicht darauf beschränken, im Rahmenprogramm der Formel E anzutreten. Di Grassi würde neben der Formel E gerne mit anderen Kategorien zusammenarbeiten und die Technologie auch bei Veranstaltungen anderer Rennserien demonstrieren, um das Profil von Roborace zu schärfen: "Es gibt keine Einschränkungen bei der Zusammenarbeit mit anderen Rennserien."

"Wenn die Formel 1 sich mit uns zeigen will, um den Stand bei der künstlichen Intelligenz zu zeigen, können wir das tun", gibt di Grassi zu bedenken. "Oder die WEC: Wir könnten eine Serie erschaffen, in der in der Zukunft nur ein Fahrer ein 24-Stunden-Rennen fährt und sich dabei mit der künstlichen Intelligenz abwechselt. Wir mögen die Formel E, weil wir möchten, dass die Zukunft rein elektrisch wird. Aber wir sprechen auch mit Serien in den USA und Japan, wie der IMSA und der Super GT."

Auch das Starterfeld für Saison Alpha soll dem Brasilianer zufolge bereits weitgehend feststehen: "Wir haben aktuell drei Teams, vielleicht sogar vier. Und unsere Anforderung an die erste Saison war genau das - drei oder vier Teams zu haben. Es sieht also gut aus. Sollten wir mehr Interessenten haben, lassen wir vielleicht mehr Teams zu, oder auch nicht. Zur Zeit entscheiden wir das noch. Die Komplexität nimmt stark zu, wenn man mehr Teams hat, weil wir alles transportieren und die Hardware zur Verfügung stellen müssen. Eigentlich sind wir selbst die Teams, weil wir das alles haben. Die eigentlichen Teams entwickeln nur den Algorithmus zur Steuerung der Fahrzeuge."

Im Gegensatz zur ursprünglichen Planung wird Roborace vorerst aber keine vollkommen autonome Rennserie werden. In den ersten beiden vorbereitenden Saisons wird das neue Fahrzeug namens DevBot 2.0 verwendet, das auch von einem menschlichen Piloten bewegt werden kann. Anschließend - wenn man Erfahrungen mit dem Konzept gesammelt hat - plant die Rennserie, auf ein Robocar umzusteigen. Es wird sich dabei aber nicht um das aktuelle Robocar handeln, denn auch das neue Robocar soll von einem menschlichen Fahrer betrieben werden können. Laut di Grassi liege der Schwerpunkt weiterhin auf einem einzigartigen Design. Das neue Robocar solle wie "der gemeinsame Sohn von Robocar und DevBot" aussehen.

von Tobias Wirtz 

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