Edoardo-Mortara-first-Formula-E-Win-Hong-Kong-2019

Formel E: Edo Mortara gewinnt furiosen Hongkong E-Prix nach Bird-Strafe

Dramatische Wendung beim 50. Rennen der Formel-E-Geschichte: Nachdem sich Virgin-Fahrer Sam Bird im Anschluss an einen packenden fünften Saisonlauf in Hongkong als vorzeitiger Sieger auf dem Podium feiern ließ, wurde der Brite für einen bereits während des Rennens kontrovers diskutierten Unfall mit Andre Lotterer (DS) nachträglich bestraft. Durch eine 5-Sekunden-Zeitstrafe fiel Bird auf den sechsten Platz zurück. Dadurch erbte Edoardo Mortara seinen ersten Karrieresieg - gleichzeitig der erste für Venturi in 4,5 Jahren Formel E. Lucas di Grassi (Audi) wurde Zweiter, Robin Frijns (Virgin) komplettierte das virtuelle Podium als Dritter.

Am Start kam Oliver Rowland im Nissan sehr gut weg und ging in Führung. Stoffel Vandoorne blieb Zweiter vor Lotterer. Dahinter setzte sich der sehr gut gestartete Bird, der in der ersten Runde insgesamt fünf Plätze gutmachen sollte, zunächst außen vorbei an die fünfte Position, ging nach Kurve 1 auch an Gary Paffett und vor der Schikane noch an Lotterer vorbei. Im hinteren Teil des Feldes kollidierten Felipe Nasr und Jose Maria Lopez - eine Kollision, die Folgen haben sollte... Nelson Piquet jr. rutschte zudem in Kurve 2 in den Notausgang - das frühe Rennende für den Champion aus Saison 1. Nach einer Runde führte Rowland somit vor Vandoorne, Bird, Lotterer, Paffett, Mortara, di Grassi, Massa, Sims und Buemi.

Wenig später überholte Bird Vandoorne in Kurve 1 und übernahm den zweiten Platz vom Belgier. Alexander Sims im BMW verbremste sich weiter hinten ebenfalls in Kurve 1 und rutschte mit der Front in die TecPro-Barriere. Jean-Eric Vergne verbremste sich seinerseits auch und fuhr auf Sims auf, der gerade den Rückwärtsgang eingelegt hatte, um sich wieder zu befreien. Beide fielen ans Ende des Feldes zurück. Dann wurde es chaotisch...

Nasr verlor in der zweiten Runde schließlich seinen beschädigten Frontflügel und rutschte in Kurve 2 geradeaus in die Mauer. Der unmittelbar dahinter fahrende Pascal Wehrlein konnte nicht mehr ausweichen und fuhr ihm auf. Dabei brach seine Radaufhängung. Teamkollege Jerome d'Ambrosio fuhr seinerseits auf Wehrlein auf, und auch bei ihm ging die Radaufhängung zu Bruch. Alle drei Fahrer schieden aus. Die Rennleitung rief zuerst eine Full-Course-Yellow aus, schickte wenig später aber das Safety-Car auf die Strecke. Da sich die drei Fahrzeuge verkeilt hatten und die Bergung länger dauerte als angenommen, wurde das Rennen wenig später mit roten Flaggen unterbrochen.

Spitzenduo setzt sich ab

Nach gut zehnminütiger Unterbrechung, in der sich alle Fahrer in der Box aufgereiht hatten, wurde das Rennen hinter dem Safety-Car neu gestartet. Sämtliche Piloten bis auf Robin Frijns und Daniel Abt, die auf den Plätzen 9 und 10 lagen, aktivierten für den Re-Start ihren ersten Attack-Mode. Lotterer überholte Vandoorne in Kurve 1 und war nun Dritter. Eine Runde später nahm die Dramatik ihren Lauf: Der Führende Rowland rollte ausgangs von Kurve 1 aus, konnte das Auto aber wenig später neustarten und fuhr auf Platz 10 weiter.

Die Freude über die Führung währte für Sam Bird jedoch nicht lange, denn der Brite verbremste sich, und Lotterer kam innen vorbei. Auch Paffett verbremste sich in derselben Kurve. Mortara überholte ihn und war nun bereits Vierter. Bird gab sich mit dem zweiten Platz jedoch nicht zufrieden und setzte Lotterer unter Druck. Beide setzten sich vom Rest des Feldes ab. So lag Vandoorne bereits nach kurzer Zeit 3,5 Sekunden zurück und verlor weiter an Boden. Weiter hinten musste sich Paffett den wilden Attacken von di Grassi erwehren, blieb aber zunächst vorn.

Kampfszenen gab es derweil auch im mittleren und hinteren Teil des Feldes: Vergne überholte im Kampf um Platz 15 Lopez und schob Tom Dillmann im NIO an, den er dadurch hinter sich lassen konnte. Der amtierende Meister sollte dafür jedoch später eine 5-Sekunden-Zeitstrafe erhalten. Auch Rowland überholte mit einem harten Manöver inklusive Feindkontakt Daniel Abt und kam somit wieder auf Platz 9 nach vorn.

Bird und Lotterer fuhren an der Spitze abwechselnd schnellste Runden und bauten ihren Vorsprung auf Vandoorne um rund eine Sekunde pro Runde aus - zwischenzeitlich auf mehr als acht Sekunden. Di Grassi, der lange hinter Paffett festhing, überholte den Briten schließlich und war fortan Fünfter. Ein Blick auf die Restenergie verriet, dass Bird zwar einen deutlichen Vorteil gegenüber Lotterer besaß. Der Energieverbrauch sollte durch die zahlreichen Unterbrechungen am Ende jedoch keine Rolle mehr spielen.

Schwarzer Tag für BMW & Nissan

Alex Sims schied aus, nachdem er beim Beschleunigen das Heck seines Fahrzeugs verloren hatte und an der Mauer angeschlagen war. Erneut ein gebrauchter Tag für den Briten in BMW-Diensten. Teamkollege Antonio Felix da Costa kam ebenfalls nicht über Rang 10 hinaus. Mortara aktivierte indes seinen zweiten und letzten Attack-Mode und überholte Vandoorne - schon Platz 3 für den Schweizer. Weniger gut lief es hingegen für Nissan: Sowohl Sebastien Buemi als auch Rowland fielen abseits der Kameras ins Mittelfeld zurück. Buemi fuhr kurz darauf an die Box auf und stieg frustriert aus seinem Boliden aus.

Dann kam es ganz dick für das im Qualifying so überzeugende HWA-Team: Vandoorne musste sein Fahrzeug wegen eines Antriebswellendefektes am Streckenrand abstellen, während Paffett hinter Abt und Felipe Massa zurückfiel. Um das Auto von Vandoorne abzuschleppen, schickte die Rennleitung abermals das Safety-Car auf die Strecke. Der große Vorsprung von Lotterer und Bird war dadurch wieder dahin.

Erneut aktivierten fast alle Piloten beim Re-Start den Attack-Mode - wenn sie noch einen übrig hatten. Mortara und Massa waren die einzigen Piloten unter den ersten Zehn, die bereits beide Attack-Modes aktiviert hatten und so für den Re-Start nur 200 kW nutzen konnten. Das machte sich bemerkbar: Mortara konnte das Tempo von Lotterer und Bird nicht mitgehen, schaffte es aber trotzdem, di Grassi hinter sich zu halten.

Erneut dramatisches Finale mit tragischem deutschen Helden

Gut fünf Minuten vor dem Ende leistete sich Rowland einen heftigeren Mauerkontakt und handelte sich einen Aufhängungsbruch hinten links ein. Er blieb am Streckenrand stehen, die dritte und letzte Safety-Car-Phase folgte. Erneut ein Doppelausfall für Nissan e.dams - sehr enttäuschend nach einer wirklich starken Performance am gesamten Rennsamstag. Durch die vielen Safety-Car-Phasen war nun klar: Probleme mit der Energie sollte diesmal keiner der Fahrer mehr bekommen. Der E-Prix würde unter "Vollgas" zu Ende gehen.

Dennoch gab es in Hongkong wie zuletzt in Mexiko einen tragischen deutschen Helden, als das Rennen zwei Minuten vor dem Ende wieder freigegeben wurde. Bird griff Lotterer in Kurve 2 an, fuhr ihm aufs Hinterrad und schlitzte ihm dabei den rechten Hinterreifen auf. Der DS-Pilot fiel weit zurück und kam nicht als Sieger, der fast das gesamte Rennen angeführt hatte, sondern als 14. und damit letzter der verbliebenen Fahrer ins Ziel. Keine Punkte und nicht der erste Formel-E-Sieg für den gebürtigen Duisburger - extrem bitte für ihn. Bird fuhr hingegen als Erster vor Mortara und di Grassi über die Ziellinie. Dahinter komplettierten Frijns, Abt, Massa, Evans, Paffett, Turvey und Felix da Costa die Top 10.

Bereits kurz nach Rennschluss meldete die Rennleitung, dass sie den Vorfall zwischen Bird und Lotterer untersuche. Die Siegerehrung fand nichtsdestotrotz auf Grundlage des abgewunkenen Rennergebnisses statt: Bird, der sich in seiner Haut sichtlich unwohl fühlte, nahm den Siegerpokal entgegen, während sich Mortara nach den Plätzen 4 (Santiago) und 3 (Mexiko-Stadt) in Hongkong über den zweiten Rang freuen durfte. Gut vier Stunden nach Rennschluss entschied die Rennleitung schließlich, Bird rückzuversetzen.

"Der Fahrer von Auto Nummer 2 verursachte einen direkten Zusammenstoß mit dem rechten Hinterreifen von Auto 36, der zu einem sofortigen Plattfuß führte", erklärt die Rennleitung in einem offiziellen Dokument. "Es wird anerkannt, dass die Strecke an gewissen Stellen feucht war. Nichtsdestotrotz ließ Auto Nummer 36 mehr als eine Fahrzeugbreite Platz auf der Innenbahn. Deshalb sind wir der Meinung, dass der Fahrer von Auto Nummer 2 die Hauptschuld an dem Zwischenfall trägt."

Trotz alledem hat Sam Bird in Hongkong die Gesamtführung in der Meisterschaft übernommen und liegt nun einen Punkt vor Jerome d'Ambrosio. Auf den Plätzen 3 und 4 folgen punktgleich Lucas di Grassi und Edo Mortara. Dabei rangieren die ersten sechs Piloten innerhalb von elf Punkten - so eng ging es selten zu. Bei den Teams hat Virgin die Spitze übernommen, gefolgt von seinem Antriebslieferanten Audi - die Ingolstädter sind nun bereits Gesamtzweiter. Venturi machte abermals einen großen Satz und ist jetzt Vierter vor BMW. HWA kletter durch seine ersten sieben Zähler auf den neunten Gesamtrang. Das nächste Formel-E-Rennen findet bereits in zwei Wochen, am 23. März, im chinesischen Sanya statt.

Zusätzliche Berichterstattung durch Timo Pape

>>> zum Rennergebnis von Hongkong
>>> zur Gesamtwertung

von Tobias Wirtz 

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Kommentar von Jens |

Irgendwie entwickelt sich die Formel E zur Pech Serie der Deutschen Fahrer.
Heute ist es aber auch eine sehr bittere Pille so kann man keine Rennen gewinnen.
Ich mag zwar Sam Bird aber das heute muss einfach eine Strafe geben.

Kommentar von SchumiWM2011 |

Kann mich meinem Vorredner nur anschließen. Bird ist ein abgebrühter Fahrer keine Frage aber die Aktion heute war unsportlich hoch 3.

Kommentar von Beaker |

Wenn man an die nachträgliche Strafe für Wehrlein beim letzten Rennen denkt, dann kann und darf es nicht sein, dass Bird ohne davon kommt. Seine Aktion heute war deutlich schlimmer als die von Wehrlein beim letzten Mal.

Kommentar von Derbe_klopp_te |

was ist eigentlich mit vergne, der schiebt seinen kontahenten einfach mal so zur seite und fährt an ihm vorbei. Normalerweise zieht das eine zeitstrafe hinter sich. Über Bird muss man nicht diskutieren

Kommentar von Hali |

Wenn das von Bird so durchgeht, könnt ihr die Formel E gleich wieder schliessen. War das letzte Rennen das ich mir angesehen habe. Selbst Bird hat sich nicht wohl dabei gefühlt, weil es nämlich unfair war von ihm.

Kommentar von Timo |

@Derbe_klopp_te: Vergne hat eine 5-Sekunden-Strafe dafür bekommen.

Kommentar von Simon |

@Hali Man muss nicht gleich über treiben.
Die Strafe geht vollkommen in Ordnung. Es war keine Absicht von Bird, aber es hat Lotterers Rennen zerstört. Mehr als 5 Sekunden hätte ich schon wieder als überzogen empfunden.

Kommentar von EffEll |

Es kann eben nur causing a collision mit 5 Sekunden bestraft werden. Es war eben Pech und mit dem Auffahren von Lotterer auf Vergne ähnlich. Seht schade für Lotterer. Er hätte den Sieg verdient

Kommentar von Hch.-W.E. |

Leider offenbart der erste echte Stadtkurs des Kalenders die wahren Schwächen der Formel E! "Marktplatzrennen" funktionieren nur eh nur bedingt und erst recht nicht mit Autos die mehr Leistung haben...

Dieses nervende hintereinander Herfahren provoziert doch förmlich solche Manöver!

Gut das die "normale" Rennsaison wieder beginnt. Die Formel E werde ich weiter zur Kenntnis nehmen, aber nicht mehr als echte Alternative.

Kommentar von Thomas Imhof |

Dann warte mal ab, wie "spannend" die Formel 1 nächstes Wochenende wird. Hongkong gehört aber auch zu den ungünstigsten Strecken überhaupt und soll, wenn der Kurs nicht verlängert werden kann, im nächsten Jahr auch aus dem Kalender fallen. Denn dann kommen noch mal zwei weitere Teams, also vier Autos dazu, und dann wird es auf 1,8 km einfach zu eng.

Kommentar von Derbe_klopp_te |

@Hch.-W.E.
Ich habe mir während des Rennens auch gedacht, die Strecke ist viel zu eng. Gerade in der Ersten Runde hat man gesehen, dass die Autos garnicht durch die Schikane (Kurve 3?) kommen, wenn man mal kämpft. Hier du da wäre bei der ein oder anderen Strecke mal das rausnehmen der sinnlosen Schikanen notwendig.

Kommentar von EffEll |

So ging es mir auch. In Mexiko funktionierte das Gen2 perfekt. Hongkong erinnerte mich an Autoscooter

Kommentar von Simon |

Ja das stimmt die Stecke ist eigentlich ein bisschen zu eng für die Autos. Ich fand die Strecke ehrlich gesagt vorher auch schon nicht sehr schön. @Hch.-W.E. Man könnte das selbe auch über manche Strecken der Formel 1 sagen.In Monaco und auch in Melbourne kann man mit Formel 1 Autos auch nicht so gut überholen. Man kann die Formel E doch nicht nur an einer oder zwei Strecken fest machen.

Kommentar von Hch.-W.E. |

In meinem Kommentar habe ich in nicht expliziet die Formel1 gemeint, sondern Allgemein den Start der Rennsaison 2019! Und das die Formel 1, genau wie die anderen Rennserien unter anderem auch auf Rennstrecken starten die dem Starterfeld und den Fahrzeugen nicht gerecht werden ist unbestritten. Das Zitat "Hubschrauberfliegen im Wohnzimmer" ist ja inzwischen schon ein gern genommener Begriff! Soweit OK....
Wenn allerdings eine aufstrebende Rennserie im laufe ihrer Entwicklung auf größere und Leistungsstärkere Fahrzeuge setzt, aber bei der Rennstreckenauswahl weiter auf alte und eigentlich schon immer etwas enge Strecken setzt sind Probleme vorprogrammiert. Noch schlimmer, in der Vorausplanung finden sich ausschließlich wieder provisorische Stadtkurse.
Und das wird auch noch gefeiert...
Lest euch den Bericht über den Protest durch und die jeweiligen Argumente.Ihr werdet feststellen das genau diese Tatsache der Haken an der gesamten Situation ist. Strafen verschärfen ist die schlechteste aller Möglichkeiten, egal für was...
Das sind Rennfahrer, keine Zirkuspony's die im Kreis hinter einander her laufen/fahren!

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